II.8. Synthese von Indigo und Indigoderivaten
über eine a-Diiod-
Eliminierung geeigneter Iodocarbenium-iodid-Vorläufersysteme
II.8.1. Literaturbekannte Indigosynthesen
Indigo läßt sich einfach und in guten Ausbeuten
nach K. Heumann aus Anilin und Chloressigsäure synthetisieren[157,158],
welche zunächst zu Phenylglycin kondensieren. Phenylglycin
wiederum reagiert in alkalischer Schmelze unter Wasserabspaltung
zu Indoxyl, dessen Oxidation mit Luftsauerstoff schließlich
Indigo liefert. Die Rentabilität der industriellen Indigosynthese
konnte von J. Pfleger durch Anwendung von Natriumamid als
Kondensationsmittel entscheidend gesteigert werden[159-161],
da der Ringschluß hier bereits bei einer Temperatur von
180 °C möglich ist. Daneben haben auch Synthesemethoden
an Bedeutung gewonnen, die von ortho-Nitroacetophenonderivaten
ausgehen[162]. Nach erfolgtem Ringschluß werden
auch hier die entsprechenden Indoxylderivate erhalten, die durch
Luftoxidation in die Indigofarbstoffe überführt werden
können. Gemeinsames Prinzip dieser Indigosynthesen ist also
die oxidative Kupplung zweier Indoxyleinheiten.
Trotz des verhältnismäßig einfachen Zuganges
zu Indigo ist dessen Synthese auch Gegenstand zahlreicher neuerer
Untersuchungen[163-169]. Dabei steht vor allem der
Mechanismus der Farbstoffbildung im Vordergrund. Im folgenden
sollen einige dieser Synthesen kurz diskutiert werden. Eine bemerkenswerte
Methode der Indigodarstellung geht von 4-Hydroxycarbostyril 107
aus[163,170] (s. Abb. 51). Dieses läßt sich
praktisch quantitativ in das entsprechende geminale Dichlor-chinolon
108 überführen. Die weitere Umsetzung
von 108 mit Natriummethylat führt zur Bildung
des Ketals 109, welches durch alkalische Hydrolyse
unter Decarboxylierung und Ringöffnung das Dimethylacetal
110 liefert. In Gegenwart von verdünnter Säure
geht 110 über das nicht faßbare ortho-Aminophenylglyoxal
111 durch Dimerisierung in den Indigofarbstoff über.
Der Vorteil dieses Verfahrens ist vor allem darin zu sehen, daß
neben 107 auch verschiedenartig substituierte 4-Hydroxycarbostylrile
eingesetzt werden können. Daneben lassen sich auch geeignete
Naphthylamine, 6-Aminocumarine oder 9-Aminophenanthrene zu den
indigoiden Farbstoffderivaten umsetzen. Ein entscheidender Nachteil
der Reaktion liegt jedoch in den Reaktionsbedingungen der Synthese
des Eduktsystems begründet. Dieses ist aus Malonsäuredianilid
durch Verschmelzen mit NaCl/AlCl3 erst bei 240 bis
250 °C zugänglich.

Abb. 51: Indigosynthese aus 4-Hydroxycarbostyril
Eine weitere Synthese des Indigofarbstoffes erschließt
sich aus den von H.J. Bestmann gemachten Beobachtungen
bei der Pyrolyse von Tetrakis-(phenylimino)cyclobutan[164,171-173]
(s. Abb. 52). Wird dieses tetramere Phenylisocyanid 112
auf 150 bis 200 °C im Hochvakuum erhitzt, so läßt
sich neben polymerem Phenylisocyanid[174] die Bildung
des tiefblauen Indigoanils[175] 116 beobachten.

Abb. 52: Indigosynthese aus tetramerem Phenylisocyanid
Ein möglicher Mechanismus dieser formalen Umlagerung
beginnt mit der homolytischen Spaltung einer (C-C)-Bindung im
Cyclobutanring. Das biradikalische System 113 stabilisiert
sich durch einen intramolekularen sp*-Übergang
(Redoxprozeß) zu 114. Aufgrund der geringen
Rotationsbarriere ist eine Rotation um die (C-C)-Bindung zu 115
möglich. Dieses System kann dann durch eine zweimalige "Friedel-Crafts-Reaktion"
in das Indigoanil 116 übergehen. Eine nachfolgende
saure Hydrolyse schließlich liefert den Indigofarbstoff.
Ferner kann Indigo auch aus Indol 117 gewonnen
werden[165] (s. Abb. 53). 117 läßt
sich in Gegenwart von Triethylamin und Essigsäure elektrochemisch
in das entsprechende N-Acetyl-2,3-diacetyloxyindol 118
überführen. Die Pyrolyse von 118 liefert
N-Acetylindoxyl-acetat 119, welches durch alkalischer
Hydrolyse und einer sich anschließenden Dimerisierung in
den Indigofarbstoff übergeht.

Abb. 53: Indigosynthese aus Indol
II.8.2. Synthese der Indigofarbstoffe
Bei den im Rahmen dieser Arbeit synthetisierten Iodocarbenium-iodide
des Cyclobutendions, der Fünfring-Heterocyclen und der p-Chinonsysteme
liegt gemäß 24 eine Donor-Akzeptorsubstitution
der hypervalenten (C-I-I)-Bindungssequenz vor. Die Darstellung
dieser Systeme erfolgt stets über die entsprechenden Betaine
bzw. Ylide, wobei eine sich anschließende Überführung
der Olat- bzw. Carbonylfunktion in das jeweilige Chloro-chlorid
und ein unmittelbar folgender Halogenaustausch die Isolierung
der gewünschten Iodocarbenium-iodide ermöglichen. Die
triphenylphosphoniosubstituierten Iodocarbenium-iodide der Fünfring-Heterocyclen
konnten durch Umsetzung mit freien Iodidionen über eine a-Diiod-Eliminierung
in neuartige indigoide Farbstoffsysteme überführt werden
(s. Kap. II.6.). Das kreuzkonjugierte Substitutionsmuster der
zentralen "push-pull"-substituierten Doppelbindung zeigt
die strukturelle Verwandtschaft dieser Systeme zum Indigofarbstoff.
Im folgenden soll daher der Frage nachgegangen werden, ob sich
auch die Indigofarbstoffe aus geeigneten Vorläufersystemen
(Iodocarbenium-iodide) durch eine a-Iod-Eliminierung
synthetisieren lassen. Abbildung 54 zeigt das zur Synthese erforderliche
Iodocarbenium-iodid.

Abb. 54: Iodocarbenium-iodide 120 als Vorläufer
zur Synthese der Indigofarbstoffe
In Analogie zu den bislang dargestellten Iodocarbenium-iodiden
(s.o.) sollten Isatin 121a bzw. die N-alkylierten
Isatinderivate 121b und 121c den Ausgangspunkt
der Synthese der Indigofarbstoffe darstellen (s. Abb. 55). Eine
Überführung der Amid-Carbonylfunktion in die entsprechenden
Chloro-chloride und ein sich anschließender Chlor-Iod-Austausch
hätten die gewünschten Iodocarbenium-iodide zur Folge.
Das Isatinmolekül zeichnet sich durch zwei reaktionsfähige
Carbonylgruppen aus[176]. Die Amid-Carbonylfunktion
in 2-Stellung erfährt jedoch durch den positiven mesomeren
Effekt der Aminofunktion eine weitere Aktivierung. Setzt man 121a-c
mit Phosphorpentachlorid in Benzol bzw. Chlorbenzol bei 80 bis
125 °C um, so entstehen die entsprechenden Dichloroxindole
122a-c. Für 122a (R = H) kann
dieses unter Chlorwasserstoff-Eliminierung rasch in das extrem
hydrolyseempfindliche Isatin-2-chlorid übergehen[177,178].
Dieses cyclische Imidchlorid wiederum ist eine äußerst
reaktive Verbindung und stellt wie das strukturverwandte Isatin-2-anil[179]
ein wichtiges Ausgangssystem der Isatinchemie dar[176].
Gelänge es, auf der Stufe der Dichloroxindole 122a-c
einen Halogenaustausch durchzuführen, könnten die entsprechenden
Iodocarbenium-iodide 120a-c gewonnen werden. Jedoch
führt bereits die Umsetzung von 122a-c mit
zwei Äquivalenten Trimethylsilyliodid bei Raumtemperatur
zur Bildung der Indigofarbstoffe 127a-c. Setzt man
Isatin bzw. die N-alkylierten Isatinsysteme direkt mit Trimethylsilyliodid
um, so wird auch hier die Bildung der Indigofarbstoffe beobachtet
(s. Abb. 55). Der t-butylsubstituierte Indigofarbstoff 127c
wurde in diesem Zusammenhang erstmals synthetisiert.

Abb. 55: Mögliche Mechanismen der Indigofarbstoffbildung
Die 1H-NMR-Monitorspektren der direkten Umsetzung
von Isatin bzw. der N-alkylierten Isatine 121a-c
mit Trimethylsilyliodid zeigen eine quantitative Hexamethyldisiloxan-Entwicklung.
Für die Reaktion der Dichloroxindolsysteme 122a-c
wird dagegen sowohl eine Trimethylsilylchlorid- als auch eine
Hexamethyldisiloxan-Entwicklung gefunden. Möglicherweise
ist die Bildung von Hexamethyldisiloxan auf eine Hydrolyse der
extrem hygroskopischen Dichloroxindolsysteme zurückzuführen.
Beide Synthesewege gestatten eine Isolierung der Indigofarbstoffe
in einer ca. 80 %igen Ausbeute. Die erhaltenen spektroskopischen,
massenspektrometrischen und elementaranalytischen Daten der blau-violetten
Feststoffe identifizieren jeweils den entsprechenden Indigofarbstoff[180]
als einziges Reaktionsprodukt. Eine Reaktion des Phosphorpentachlorids
an der Carbonylfunktion in 3-Stellung[181] muß
daher nicht berücksichtigt werden.
Bei der Diskussion des Reaktionsmechanismus der Indigofarbstoffbildung
müssen mehrere Alternativen in Betracht gezogen werden (s.
Kap. II.6.): Zum einen ist eine ionische Variante der a-Iod-Eliminierung
zu berücksichtigen (linker Reaktionspfad in Abb. 55). Nach
erfolgtem Halogenaustausch respektive erfolgter Hexamethyldisiloxan-Freisetzung
kommt es zur Bildung der Iodocarbenium-iodide 120a-c,
die spontan, oder Iodidionen induziert über eine "doppelt-hypervalente"
Spezies (s. Kap. II.6., Abb. 39) Iod bzw. Triiodid eliminieren.
Eine sich unmittelbar anschließende Dimerisierung der freigesetzten
Carbenspezies 123a-c führt dann zu den Indigofarbstoffen.
Die bei der induzierten a-Iod-Eliminierung
erforderlichen Iodidionen könnten von noch nicht umgesetzten
Trimethylsilyliodid stammen. Über das Triiodid-Iod-Iodid-Gleichgewicht
ist dann eine Regeneration der Iodidionen möglich. Eine Alternative
zu diesem ionischen Mechanismus stellt der radikalische dar (mittlerer
und rechter Reaktionspfad in Abb. 55). Die radikalische Variante
der a-Iod-Eliminierung würde unter
Elektronentransfer eines Iodidions zur Freisetzung der Biradikalspezies
124a-c führen, die durch Dimerisierung in die
Indigofarbstoffe übergehen. Möglicherweise verläuft
die radikalische Farbstoffbildung jedoch auch über die capto-dativ-stabilisierten
Radikalspezies[109] 125a-c. Eine Dimerisierung
dieser Systeme führt zu den gekuppelten Systemen 126a-c,
aus den dann spontan (E1) oder Iodidionen induziert
Iod (E1cB) eliminiert wird.
Eine den Carbenen 123a-c analoge Elektronen-Sextett-Spezies
auf der Basis des Isatin-Grundkörpers wurde bereits von E.J.
Moriconi und J.J. Murray[182] bei der pyrolytischen
und photolytischen Fragmentierung von Isatin-2-tosylhydrazon formuliert.
Als Produkt der thermischen Fragmentierung wurde auch hier der
Indigofarbstoff erhalten. Vorläufer des Carbens war in diesem
Fall das relativ instabile 2-Diazo-indoxyl-System.
Im Fall des Isatin-Grundkörpers 121a könnte
noch ein weiterer Mechanismus eine Rolle spielen. (s. Abb. 56).

Abb. 56: Alternativer Mechanismus der Indigobildung über
das cyclische Imidchlorid 128
Wie bereits erwähnt (s.o.) kommt es bei der Umsetzung
von Isatin mit Phosphorpentachlorid in der Regel zur Bildung des
cyclischen Imidchlorids[177,178] 128.
Die Umsetzung mit Trimethylsilyliodid sollte hier zunächst
zu einem Halogenaustausch unter Bildung des entsprechenden Imidiodids
129 führen. Ein weiteres Molekül Trimethylsilyliodid
könnte dann unter Silylierung des Imidstickstoffes die Eliminierung
von Iod einleiten. Wie in der folgenden Abbildung angedeutet,
sind auch hier bei der Diskussion des Reaktionsmechanismus mehrere
Alternativen zu berücksichtigen. Die Überführung
der Carben- 130 bzw. Radikalspezies 131
und 132 in den Indigofarbstoff 127a
wurde bereits anhand von Abbildung 55 erläutert. Eine Hydrolyse
des silylierten Indigoderivates schließlich liefert den
Indigofarbstoff.
Welcher der diskutierten Reaktionsmechanismen tatsächlich
durchlaufen wird, oder ob sogar mehrere Alternativen bei der Produktbildung
beteiligt sind, kann an dieser Stelle nicht entschieden werden.
Dennoch liefert eine Beobachtung bei der Untersuchung der a-Iod-Eliminierung
an N-alkylierten Isatinderivaten den Hinweis, daß offenbar
radikalische Reaktionsmechanismen eine Rolle spielen. Setzt man
die N-alkylierten Dichloroxindole 122b und 122c
mit zwei Äquivalenten Trimethylsilyliodid bei -60 °C
um und arbeitet die orange-roten Suspensionen in der Kälte
auf, so lassen sich die entsprechenden äußerst hygroskopischen
Iodocarbenium-iodide 120b bzw. 120c
isolieren.

Abb. 57: Isolierte Iodocarbenium-iodide 120b bzw.
120c der N-alkylierten Isatinderivate
Gegenüber dem Iodocarbenium-iodid der N-H-Verbindung
120a zeichnen sich die N-alkylierten Systeme infolge
des stärkeren N-Donors durch eine weitaus höhere Stabilität
aus. Dadurch wird natürlich auch ein Elektronentransfer erschwert,
der den radikalischen Reaktionsverlauf einleitet. Zudem sind auch
die resultierenden Radikalspezies 125b und 125c
gegenüber 125a besser stabilisiert (capto-dativ-Radikalstabilisierung[109]).
120b und 120c konnten lediglich elementaranalytisch
charakterisiert werden. Bei den spektroskopischen bzw. massenspektrometrischen
Untersuchungsmethoden werden bereits die entsprechenden Indigo-
und Isatinderivate bzw. elementares Iod gefunden.
In Analogie zu den triphenylphosphoniosubstituierten Iodocarbenium-iodiden
der Fünfring-Heterocyclen (s. Kap. II.6.) lassen sich auch
die Iodocarbenium-iodide der N-alkylierten Isatinderivate durch
Umsetzung mit freien Iodidionen in die entsprechenden Indigofarbstoffe
überführen (s. Abb. 58). Die Reaktion mit TDAI wurde
hier bei -60 °C durchgeführt, um sicherzustellen, daß
keine spontane Eliminierung von Iod erfolgt (s.o.). Natürlich
sind auch bei dieser Reaktion wiederum mehrere Alternativen (ionisch
bzw. radikalisch) für den Reaktionsablauf zu berücksichtigen,
die bereits anhand von Abb. 55 diskutiert wurden (s.a. Kap. II.6.,
Abb. 39 bzw. Abb. 42). Die Überführung der Iodocarbenium-iodide
zu den Indigofarbstoffen erfolgt nahezu quantitativ. Die spektroskopischen,
massenspektrometrischen und elementaranalytischen Daten stimmen
mit den bereits für 127b und 127c
erhaltenen überein.

Abb. 58: a-Iod-Eliminierung von 120b
bzw. 120c zu den Indigofarbstoffen
In Tabelle 21 ist das Ergebnis der UV-spektroskopischen Untersuchung
der synthetisierten Indigoderivate zusammengefaßt. Für
jede Verbindung ist jeweils das längstwellige Absorptionsmaximum
angegeben[183,184]. Die für den Indigofarbstoff
127a und für das i-propylsubstituierte Derivat
127b erhaltenen Daten stimmen mit den Literaturwerten
überein[183,184] Demnach ist mit zunehmender Raumerfüllung
von R eine bathochrome Verschiebung des längstwelligen Absorptionsmaximums
zu beobachten, was auf eine zunehmende Verdrillung der zentralen
Doppelbindung zurückzuführen ist. Diese Auswirkung auf
das Elektronenspektrum einer Verbindung ist ein generelles Phänomen
und wurde bereits von E. Heilbronner und R. Gerdil
theoretisch gedeutet[185]. Eine Torsion der Doppelbindung
zieht eine Verminderung der Überlappung der beteiligten -Orbitale
nach und bedingt somit eine energetische Anhebung des HOMOs infolge
der verringerten bindenden Wechselwirkung bzw. eine Absenkung
des LUMOs aufgrund der schwächeren antibindenden Wechselwirkung.
Der geringere Abstand der Grenzorbitale ermöglicht die elektronische
Anregung durch Licht größerer Wellenlänge.
Tab. 21: UV-spektroskopische Daten der Indigofarbstoffe (die Extinktionskoeffizienten
konnten aufgrund der geringen Löslichkeit der Indigofarbstoffe
nicht ermittelt werden)
![]() | ||
| Verbindung | ||
| 127a | ||
| 127b | ||
| 127c | ||
Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß Isatin bzw. N-alkylierte Isatinderivate zu den entsprechenden Indigofarbstoffen umgesetzt werden können. Es handelt sich dabei um die reduktive Kupplung zweier Isatinsysteme, wobei mehrere Mechanismen der Indigobildung zu berücksichtigen sind. Da jedoch Isatin großtechnisch aus Indigo gewonnen wird[186-189], wurde der umgekehrte Prozeß bislang kaum untersucht. In der Literatur findet sich lediglich eine Reaktion, bei der Isatin mit Phosphortrichlorid, Acetylchlorid und elementarem Phosphor[190] bzw. Zinkstaub[191] zu Indigo umgesetzt wird. Der Mechanismus dieser Reaktion ist jedoch ungeklärt. Im Vergleich zu den am Anfang dieses Kapitels diskutierten Indigosynthesen gestatten die im Rahmen der vorliegenden Arbeit untersuchten Darstellungsverfahren eine Synthese in guten Ausbeuten (ca. 80 %) unter relativ milden Reaktionsbedingungen. Zudem sind hier auch die entsprechenden N-alkylierten Indigofarbstoffe zugänglich. Inwieweit sich Substituenten am Aromaten auf den Verlauf der Synthese auswirken, bleibt noch zu klären. Ferner ist zu prüfen, ob sich der t-butylsubstituierte Indigofarbstoff in saurem Medium in die entsprechende (N-H)-Verbindung überführen läßt. Möglicherweise ist nach dieser Methode auch das Iodocarbenium-iodid des Isatin-Grundkörpers zugänglich. Nachteil dieser Reaktionen ist jedoch das relativ teure Trimethylsilyliodid. Analoge Umsetzungen der Isatinderivate mit Iodwasserstoffsäure bzw. Aluminiumtriiodid[192] führten nicht zur Isolierung der Indigoderivate.
II.8.3. Synthese der N-alkylierten Isatinderivate
N-alkylierte Isatine sind aus den entsprechenden Natrium-
bzw. Kalium-Salzen des Grundkörpers durch Umsetzung mit Alkylhalogeniden
in absolutem Alkohol zugänglich[193,194]. Eine
effektive Kontrolle der N- bzw. O-Alkylierung ist jedoch meist
nicht gegeben[176]. Zudem müssen die Reaktionen
bei tiefen Temperaturen durchgeführt werden, um eine Ringöffnung
zu vermeiden[176]. Eine alternative Synthesemöglichkeit
bietet die Alkylierung über O-alkylierte Isoharnstoffderivate[195,196]
134. Diese lassen sich durch Umsetzung von N,N'-Dicyclohexylcarbodiimid
133 mit einem Alkohol in Gegenwart von Kupfer(I)-chlorid
gewinnen[197].

Abb. 59: Synthese der Isoharnstoffe
Die hier synthetisierten extrem hygroskopischen Isoharnstoffe
wurden lediglich massenspektrometrisch untersucht. In beiden Fällen
sind die Molekülpeaks der Harnstoffderivate zu erkennen.
Vor der Alkylierungsreaktion wird das Kupfer(I)-chlorid durch
Filtration über Aluminiumoxid aus dem Reaktionsgeschehen
entfernt und das Isatin direkt mit dem Filtrat umgesetzt. Die
Isoharnstoffe 134b bzw. 134c sollten
bei der Reaktion im Überschuß vorliegen, da bereits
bei ihrer Bildung auch deren Zersetzung eintritt[196].

Abb. 60: Synthese der N-alkylierten Isatinderivate
Die N-alkylierten Isatinderivate 121a bzw.
121b konnten in guten Ausbeuten isoliert und sowohl
NMR- und IR-spektroskopisch, als auch massenspektrometrisch und
elementaranalytisch charakterisiert werden.
II.8.4. Synthese des Isatin-Grundkörpers
Bei der Darstellung der Indigofarbstoffe wurde stets von
käuflichem Isatin ausgegangen. Großtechnisch wird Isatin
aber gerade durch katalytische Luftoxidation von Indigo bzw. durch
Oxidation von Indigo mit Chrom(VI)-oxid in Gegenwart von Schwefelsäure
gewonnen[186-189]. Im folgenden soll daher der Frage
nachgegangen werden, ob der Isatin-Grundkörper selbst auch
auf anderem einfacheren Wege zugänglich ist.
Außer über die Oxidation von Indigo lassen sich
Isatin und dessen Derivate nach weiteren Verfahren synthetisieren,
die in erster Linie im Labormaßstab Anwendung finden. Neben
der Oxidation von Indolderivaten[198-206], Ringschlußreaktionen
geeigneter ortho-substituierter Amino- oder Nitroaromaten[207-212]
und speziellen Verfahren[213-217] spielen hier vor
allem Ringschlußreaktionen von Derivaten aromatischer Amine
mit freier ortho-Position[218-223] eine Rolle. Dennoch
finden sich in der Literatur verhältnismäßig wenig
Synthesevorschriften, die eine Darstellung des Isatin-Grundkörpers
in guten Ausbeuten ermöglichen. Ausgehend von Anilin konnten
für Isatin zwei Verfahren ausgemacht werden, die eine relativ
einfache Synthese des Grundkörpers gestatten. Setzt man Anilin
mit Chloralhydrat und Hydroxylamin in wäßriger Lösung
um (Sandmeyer-Verfahren[224,225]) so läßt
sich in Gegenwart von Schwefelsäure über Isatin-2-anil
Isatin in einer Gesamtausbeute von ca. 70 % gewinnen. Das erhaltene
Produkt ist jedoch noch stark verunreinigt. Eine Variation des
Sandmeyer-Verfahrens ist die Reaktion von Phenylisocyanat
mit Cyanwasserstoffsäure zu dem entsprechenden Säurenitril.
Der anschließende Ringschluß zu Isatin wird jedoch
nur unter drastischen Reaktionsbedingungen in einer AlCl3/NaCl/KCl/NaF-Schmelze
erzielt[226]. Ferner ist Isatin auch durch Umsetzung
von Anilin mit geeigneten Mesoxalsäureestern in siedendem
Eisessig zugänglich (Martinet-Verfahren[227,228]).
Über einen 2,3-Dioxindol-3-carbonsäureester kann durch
alkalische Hydrolyse und gleichzeitigem Durchleiten von Luft der
Isatin-Grundkörper isoliert werden. Die Ausbeuten sind nach
diesem Verfahren jedoch vielfach unbefriedigend.
Bei der Oxalylarylamid-Methode[229] werden N-Alkyl-anilin-hydrochloride
in Schwefelkohlenstoff mit einem großen Überschuß
an Oxalylchlorid umgesetzt, wobei vorwiegend die entsprechenden
Oxalsäurearylamid-chloride entstehen. Diese können durch
Kondensation mit Aluminiumtrichlorid in etwa 70 %iger Ausbeute
in die N-alkylierten Isatinderivate überführt werden.
Oxalsäureanilid-chlorid selbst läßt sich auf diese
Weise nicht cyclisieren. Möglicherweise kommt es hier zur
Chelatbildung zwischen dem Amid und der Lewis-Säure, so daß
aufgrund der geringeren Nukelophilie des Aromaten in ortho-Position
die gewünschte Substitutionsreaktion unterbleibt. Es können
jedoch Derivate, deren Reaktionsfähigkeit in ortho-Position
durch den Einfluß geeigneter Substituenten erhöht ist,
in guten bis sehr guten Ausbeuten zu den jeweiligen Isatinsystemen
kondensiert werden[230].
Wird dagegen Anilinhydrochlorid mit dem fünffachen Überschuß
an Bis-(pyridinio)oxalyl-bis-triflat 55 in Schwefelkohlenstoff
umgesetzt, so läßt sich bei einem hohen Verdünnungsgrad
der Isatin-Grundkörper 121a darstellen.

Abb. 61: Synthese des Isatin-Grundkörpers
Das Oxalylderivat 55 wird bei tiefen Temperaturen
in Schwefelkohlenstoff suspendiert, langsam mit Anilinhydrochlorid
versetzt und nach beendeter Zugabe zwölf Stunden unter Rückfluß
erhitzt. Isatin 121a kann dann nach Abfiltrieren
des ausgefallenen Pyridiniumtriflats in guten bis sehr guten Ausbeuten
isoliert werden (ca. 80-85 %). 121a wurde NMR- und
IR-spektroskopisch, sowie massenspektrometrisch und elementaranalytisch
charakterisiert. Die Reaktion wird offenbar durch eine nukleophile
Substitution von Pyridin durch Anilin nach einem Additions-Eliminierungs-Mechanismus
eingeleitet unter Freisetzung eines Äquivalents Pyridiniumtriflat.
Der daraufhin folgende Ringschluß zum Isatingerüst
tritt bei höherer Temperatur ein unter Eliminierung des zweiten
Äquivalents Pyridiniumtriflat. Bei dem zweiten Reaktionsschritt
handelt es sich somit um eine modifizierte Friedel-Crafts-Acylierung.
Bei einem äqimolaren Umsatz von 135 mit
55 läßt sich dagegen ausschließlich
die Bildung von Oxalyl-bis-anilid 137 beobachten
und die gewünschte intramolekulare Cyclisierung auf der Stufe
des entsprechenden Halbamids 136 bleibt aus. Der
Überschuß an dem bis-oniosubstituierten Oxalylderivat
55 in Verbindung mit einem hohen Verdünnungsgrad
gewährleistet demnach eine Bevorzugung der unimolekularen
Reaktion gegenüber der bimolekularen Konkurrenzreaktion
(s. Abb. 61). Ferner wird durch die Verwendung von Anilinhydrochlorid
sichergestellt, daß stets geringe Konzentrationen an freiem
Anilin in der Reaktionslösung vorhanden sind. Grundlage der
in Abbildung 61 gezeigten Synthese des Isatin-Grundkörpers
ist die durch die Oniosubstitution gesteigerte Elektrophilie von
55 gegenüber dem Oxalylchlorid bzw. dem System
Oxalylchlorid/Aluminiumtrichlorid. Zudem übernimmt Pyridin
hier die Rolle einer Hilfsbase.
Bei N-alkylierten bzw. ringalkylierten Anilinderivaten kann
eine mangelnde Elektrophilie des Reaktionspartners kompensiert
werden, im Fall des Anilins jedoch nicht. Der Ersatz des Pyridinioliganden
durch (4-Dimethylamino)pyridin in 138 - was eine
gegenüber 55 geringere Elektrophilie bedingt
- unterbindet bereits die Isatinsynthese (s. Abb. 62).

Abb. 62: Umsetzung von Anilinhydrochlorid mit dem Oxalylsystem 138
Als Reaktionsprodukte werden vorwiegend Oxalyl-bis-anilid
137 und das entsprechende Halbamid 139
gefunden. Die Umsetzung von N-Methylanilin 140 mit
55 führt dagegen lediglich zur Isolierung von
Oxalyl-bis-(N-methyl)anilid 141 (s. Abb. 63). Offenbar
ist das alkylierte Anilinderivat bereits zu nukleophil, als daß
eine Kontrolle des Reaktionsverlaufes möglich wäre.
Außerdem wurde hier nicht das entsprechende HCl-Addukt eingesetzt
(s. Abb. 61), so daß eine weitaus höhere Konzentration
des Anilinderivates in der Reaktionslösung anzunehmen ist.

Abb. 63: Umsetzung von N-Methylanilin mit dem Oxalylsystem 138
Werden in einer zu Abbildung 61 analogen Reaktion anstelle
von Aniliniumhydrochlorid Natriumphenolat 142 und
-thiophenolat 143 mit dem bis-oniosubstituierten
Oxalylsystem 55 umgesetzt, läßt sich
keine Ringschlußreaktion zu den entsprechenden 2-Oxo- 147
bzw. 2-Oxo-thio-cumaranonen 148 beobachten.

Abb. 64: Erfolglose Versuche der Synthese von Cumaranonderivaten
Während für die Umsetzung von Natriumphenolat lediglich
Oxalsäurediphenylester 144 (m/z = 242) als
Reaktionsprodukt gefunden wird, liefert die Reaktion des Natriumthiophenolats
neben dem Bis-(S-phenyl)dithiooxalsäureester 145
(m/z = 274) auch das aus einer reduktiven Kupplung zweier Thiolate
hervorgegangene Diphenyldisulfid 146 (m/z = 218).
Werden die Ergebnisse der vorangegangenen Kapitel zusammengefaßt,
so läßt sich der Indigofarbstoff 127a
letztendlich aus Anilin und Oxalylchlorid darstellen.

Abb. 65: Synthese des Indigofarbstoffes aus Oxalylchlorid und
Anilin
Eine Umsetzung des bis-oniosubstituierten Oxalylsystems 55
mit Anilin und Trimethylsilyliodid in einem Eintopfverfahren liefert
den gewünschten Indigofarbstoff nur in geringer Ausbeute.
Hauptprodukt dieser Reaktion ist Oxalyl-bis-anilid 137.
Die direkte Synthese ausgehend von Oxalylchlorid, Pyridin und
Trimethylsilyliodid unter intermediärer Bildung des Diiodidsalzes
von 55 führt nach der Umsetzung mit Anilin
lediglich zur Isolierung von 137.
Gegenüber den anfangs diskutierten Synthesemöglichkeiten
des Isatin-Grundkörpers 121a handelt es sich
bei der im Rahmen der vorliegenden Arbeit entwickelten Darstellung
um ein Verfahren, das unter relativ milden Bedingungen eine Isolierung
von 121a in guten Ausbeuten und hoher Reinheit gestattet
(s.o.). Die weitere Umsetzung mit Trimethylsilyliodid führt
über eine reduktive Kupplung zweier Isatineinheiten zu dem
Indigofarbstoff. Nachteil beider Umsetzungen sind jedoch die verhältnismäßig
teuren Reagentien. Möglicherweise kann die Isatinsynthese
dahingehend verbessert werden, daß zunächst Oxalsäureanilid-chlorid
(bzw. der entsprechende Oxalsäureanilid-t-butylester) synthetisiert
wird, welches dann nach erfolgter Oniosubstitution die Ringschlußreaktion
eingehen könnte. Nach dieser Reaktionssequenz wäre ein
äquimolarer Ansatz der beiden Komponenten möglich.
II.8.5. Oniosubstitution von Isatin-2-chlorid
Isatin-2-chlorid 128 wurde in der Literatur
bislang stets als monocyclisches Imidchlorid formuliert[176-178,231-233].
Neuere Untersuchungen von J. Cornforth[234]
zeigen jedoch, daß es sich bei dem Imidchlorid vermutlich
um die in Abbildung 66 gezeigte dimere Verbindung 150
handelt. 150 wurde durch mehrmaliges Umkristallisieren
von 128 erhalten.

Abb. 66: Dimere Struktur von Isatin-2-chlorid[234]
Bei der Umsetzung von Isatin mit Phosphorpentachlorid kommt
es demnach zunächst zur Bildung des extrem elektrophilen
cyclischen Imidchlorids 128, welches sich an ein
weiteres Molekül 128 nukleophil addiert. Eine
1,3-Wanderung des Chloridions führt dann zu der geminalen
Dichlorverbindung 150. Die Aufhebung des antiaromatischen
Zustandes eines der Heterocyclen ist somit als treibende Kraft
der Dimerisierung zu verstehen. Das Reaktionsverhalten von 150
wurde bislang kaum untersucht. Die Umsetzung mit Trimethylsilyliodid
liefert auch hier den Indigofarbstoff (s. Abb. 56). Eine reduktive
Eliminierung von Chlor sollte über das entsprechende Carben
und einer sich anschließenden 1,2-Wanderung den oxidierten
Indigofarbstoff ergeben. Ferner bleibt zu untersuchen, ob sich
die geminale Dichlorverbindung bereits durch Iodwasserstoffgas
in den Indigofarbstoff überführen läßt.
Wird 128 bzw. 150 mit (4-Dimethylamino)pyridin
in Gegenwart von Trimethylsilyltriflat umgesetzt, so kann die
oniosubstituierte Verbindung 151 gewonnen werden.
Aufgrund der enormen Hygroskopie des Imidchlorids wird dieses
sofort nach seiner Bildung isoliert, kurz am Ölpumpenvakuum
getrocknet und mit dem Nukleophil zur Reaktion gebracht. Das 1H-NMR-Monitorspektrum
zeigt eine quantitative Trimethylsilylchlorid-Entwicklung.

Abb. 67: Oniosubstitution des Isatin-2-chlorids
Für 151 wurde eine korrekte Elementaranalyse
erhalten. Bei der massenspektrometrischen Untersuchung lassen
sich lediglich Isatin und (4-Dimethylamino)pyridin beobachten.
Daß es sich auch bei dem oniosubstituierten Isatinderivat
um eine hydrolyseempfindliche Substanz handeln muß, zeigen
die 1H-NMR- bzw. 13C-NMR-spektroskopische
Charakterisierung. Hier werden sowohl die zu 151
gehörigen Signale, als auch die des freien Liganden und des
Isatins 121a gefunden. Dabei stehen die 1H-NMR-Signale
des freien (4-Dimethylamino)pyridins und des Isatins in einem
Integrationsverhältnis von 1:1, so daß eine Hydrolyse
von 151 plausibel erscheint. Das 13C-NMR-Signal
für das Carbonylkohlenstoffatom des Isatinderivates 151
findet sich bei 187.65 ppm und ist somit um ca. 22 ppm gegenüber
dem entsprechenden Carbonylsignal im Isatin-Grundkörper zu
höherem Feld verschoben. Im IR-Spektrum der onio-substituierten
Verbindung können die Carbonylbande bei 1744 cm-1,
die zu dem Triflatgegenion gehörigen Banden bei 1274, 1031
und 638 cm-1 und die des Onioliganden bei 1649 und
1567 cm-1 ausgemacht werden. Isatin weist dagegen zwei
Carbonylbanden bei 1729 (Keton) und 1616 cm-1 (Amid)
auf. In der nachstehenden Tabelle sind die Ausschnitte der IR-Spektren
einander gegenübergestellt.
Tab. 22: Vergleich der IR-Spektren (KBr) von 121a
und 151 (Carbonylbereich)
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Die erhaltenen experimentellen Daten lassen den Schluß
zu, daß es sich bei der isolierten Verbindung um das gewünschte
Isatinderivat 151 handelt. Es kann an dieser Stelle
jedoch nicht entschieden werden, ob das Reaktionsprodukt aus dem
hier formulierten Isatin-2-chlorid 128 (s. Abb.
67) hervorgeht, oder möglicherweise die in Abbildung 66 gezeigte
dimere Struktur 150 bei der Reaktion eine Rolle
spielt. Im Fall von 150 sollte 151
nach erfolgter Oniosubstitution in Umkehrung der Bildungsreaktion
von 150 hervorgehen (s.o.).
In analogen Reaktionen wurde das cyclische Imidchlorid 128
bzw. 150 mit Pyridin und Triphenylphosphin umgesetzt.
Trotz der beobachteten quantitativen Trimethylsilylchlorid-Entwicklung,
konnten in beiden Fällen nicht die entsprechenden oniosubstituierten
Isatinsysteme isoliert werden. Es wurden lediglich Isatin bzw.
Triphenylphosphin und protoniertes Pyridin gefunden.
Eine semiempirische Optimierung von 151 nach
PM3 zeigt eine völlig planare Struktur wie sie auch für
das strukturanaloge Dimethylanilinderivat gefunden wird[235].
Im Gegensatz zu Isatin-2-chlorid 128, wo das LUMO
im wesentlichen auf das Imid-Kohlenstoffatom konzentriert ist,
befindet sich dieses bei dem oniosubstituierten Isatinderivat
151 weitestgehend auf dem Imidstickstoff. Auch die
Ladungsverteilung gibt den Hinweis, daß die in der nachstehenden
Abbildung gezeigte Grenzstruktur 151b ein hohes
Gewicht besitzt. Während dem Imid-Kohlenstoffatom eine Ladung
von -0.388 zugewiesen wird, findet sich für den Imidstickstoff
eine Ladung von 0.093. Systeme des Typs 151 sollten
demnach bei geeigneter Wahl des Liganden auch nukleophil am Imidstickstoff
angreifbar sein. Weiterhin könnten aus der Umsetzung von
151 mit Nukleophilen unter Eliminierung von (4-Dimethylamino)pyridin
und intermediärer Bildung der entsprechenden Carbenspezies
(s.o.) neuartige Indigofarbstoffe zugänglich sein.

Abb. 68: Relevante Grenzstrukturen von 151