
Bislang wurde bei der durch CoH3(PPh3)3 katalysierten Umsetzung von Azobenzolderivaten mit internen Alkinen ausschliesslich Diphenylacetylen als Alkinkomponente verwendet. Ein weiteres Ziel dieser Arbeit war die Funktionalisierung des verwendeten Alkinderivats, um daraus Rückschlüsse über die Regio- und Stereoselektivität der Alkininsertion in die Cobalt-Hydrid-Bindung der katalytisch aktiven Spezies CoH(PPh3)3 zu erhalten und damit zur weiteren Aufklärung des Katalysemechanismus beizutragen. Dabei sollten sowohl symmetrisch wie auch unsymmetrisch substituierte Alkinderivate zum Einsatz kommen. Bei der Funktionalisierung der Alkine sollte zunächst die Einführung para-ständiger Substituenten mit anderen elektronischen Eigenschaften in das Tolangerüst erfolgen. Anschliessend sollten auch Alkine mit aliphatisch substituierten Dreifachbindungen in der Umsetzung mit Diazenderivaten verwendet werden.
3.1 Umsetzungen mit symmetrisch substituierten Alkinen
3.1.1 Umsetzung von 3,5-Dichlorazobenzol mit 4,4-Dimethoxytolan zu 26 und 27
Nach der Zugabe des Katalysator-Precursors CoH3(PPh3)3 zu einer Lösung von 3,5-Dichlorazobenzol und dem aus 4,4-Dimethoxybenzil und Triethylphosphit leicht zugänglichem 4,4-Dimethoxytolan in THF färbte sich die Lösung schwarzrot und eine leichte Gasentwicklung war zu beobachten.

Aufgrund der polaren Methoxysubstituenten des Alkins musste die Polarität des Laufmittelgemisches für die Säulenchromatographie an Al2O3 auf Petrolether/THF = 3/1 (v/v) erhöht werden, um ein akzeptables Laufverhalten der Produkte zu erreichen, womit jedoch eine schlechtere Auftrennung der Produkte einherging. Durch Ausrühren des erhaltenen orangeroten Öls mit Diethylether erhielt man ein oranges Pulver von 2,6-Di(trans-4,4-dimethoxystilbenyl)-3,5-dichlorazobenzol (27), von dem durch Umkristallisieren aus CH2Cl2/MeOH = 1/2 (v/v) orange Einkristalle erhalten wurden. Das FD-Massenspektrum des 2:1-Addukts zeigte den erwarteten Molpeak bei m/z = 726. Das korrespondierende 1:1-Addukt 26, 2-(trans-4,4-Dimethoxystilbenyl)-3,5-dichlorazobenzol, konnte wegen der hohen Polarität des Laufmittels nicht vollständig von 27 abgetrennt werden. Auf eine Aufreinigung von 26 mittels präparativer HPLC wurde wegen der extrem hohen Retentionszeiten von 2,6-Distilbenylazobenzolen in der analytischen HPLC verzichtet. Das FD-Massenspektrum dieser orangeroten Fraktion zeigte neben dem Peak von 27 bei m/z = 726 den Molekülpeak von 26 bei m/z = 488.
3.1.2 Die Röntgenstrukturanalyse von 27
Mit den durch Umkristallisation des orangen Pulvers von 27 erhaltenen Einkristallen konnte eine Röntgenstrukturanalyse durchgeführt werden. Tabelle 3.1 zeigt ausgewählte Bindungsabstände und -winkel, Abbildung 3.1 gibt ein Kugelstabmodell der Molekülstruktur von 27 wieder.
Bindungsabstände
Cl(1)-C(13) |
173.1(4) |
O(4)-C(64) |
135.6(5) | |
Cl(2)-C(15) |
172.1(4) |
O(4)-C(67) |
142.1(6) | |
N(1)-N(2) |
120.9(5) |
C(3)-C(4) |
133.3(6) | |
N(1)-C(11) |
145.6(5) |
C(3)-C(31) |
148.1(5) | |
N(2)-C(21) |
144.8(5) |
C(3)-C(16) |
148.8(5) | |
O(1)-C(34) |
137.2(5) |
C(4)-C(41) |
146.5(6) | |
O(1)-C(37) |
140.4(7) |
C(5)-C(6) |
132.5(5) | |
O(2)-C(44) |
136.5(5) |
C(5)-C(51) |
147.8(5) | |
O(2)-C(47) |
141.8(6) |
C(5)-C(12) |
149.2(5) | |
O(3)-C(54) |
137.4(5) |
C(6)-C(61) |
146.0(5) | |
O(3)-C(57) |
141.0(7) |
Bindungswinkel
N(2)-N(1)-C(11) |
110.1(3) |
C(26)-C(21)-N(2) |
124.9(4) | |
N(1)-N(2)-C(21) |
113.6(3) |
C(32)-C(31)-C(3) |
121.8(4) | |
C(4)-C(3)-C(31) |
121.1(3) |
C(36)-C(31)-C(3) |
120.0(4) | |
C(4)-C(3)-C(16) |
123.8(4) |
C(35)-C(34)-O(1) |
114.7(4) | |
C(31)-C(3)-C(16) |
114.9(3) |
O(1)-C(34)-C(33) |
124.7(4) | |
C(3)-C(4)-C(41) |
129.4(4) |
C(42)-C(41)-C(4) |
117.4(3) | |
C(6)-C(5)-C(51) |
121.4(3) |
C(46)-C(41)-C(4) |
125.4(4) | |
C(6)-C(5)-C(12) |
119.8(3) |
O(2)-C(44)-C(43) |
124.6(4) | |
C(51)-C(5)-C(12) |
118.6(3) |
O(2)-C(44)-C(45) |
116.3(3) | |
C(5)-C(6)-C(61) |
127.4(4) |
C(56)-C(51)-C(5) |
120.5(3) | |
C(12)-C(11)-N(1) |
122.5(3) |
C(52)-C(51)-C(5) |
121.3(4) | |
C(16)-C(11)-N(1) |
114.3(3) |
C(55)-C(54)-O(3) |
123.7(4) | |
C(11)-C(12)-C(5) |
121.8(3) |
O(3)-C(54)-C(53) |
116.3(4) | |
C(13)-C(12)-C(5) |
121.7(3) |
C(62)-C(61)-C(6) |
119.7(4) | |
C(11)-C(16)-C(3) |
121.0(3) |
C(66)-C(61)-C(6) |
123.9(3) | |
C(15)-C(16)-C(3) |
121.5(3) |
O(4)-C(64)-C(63) |
125.3(4) | |
C(22)-C(21)-N(2) |
114.0(4) |
O(4)-C(64)-C(65) |
116.0(4) | |
Tabelle 3.1: Ausgewählte Bindungsabstände [pm] und -winkel [°] von 27

Abbildung 3.1: Molekülstruktur von 27 im Kristall
Abbildung 3.1 zeigt die Molekülstruktur von 27 als dem ersten 2,6-Di(trans-stilbenyl)azobenzol, das durch zweifache regioselektive Insertion eines symmetrisch substituierten Tolanderivats in zwei ortho-C-H-Bindungen des halogenierten Azobenzolphenylrings gebildet wurde. Der Bindungsabstand N1-N2 ist wegen der sterisch anspruchsvollen 4,4-Dimethoxystilbenylsubstituenten mit 120.9(5) pm verglichen mit dem N=N-Abstand in Azobenzol (124.4 pm) relativ kurz. Deswegen und im Gegensatz zu den Molekülstrukturen von 11 und 12 ist der Phenylring C21-C26 um 76° gegenüber dem fünffach substituierten Phenylring C11-C16 verdrillt. Die Abstände der Stilbenyldoppelbindungen C3-C4 und C5-C6 betragen 133.3(6) und 132.5(5) pm und weisen keine Besonderheiten, verglichen mit den Abständen in 11 und 12 auf. Die beiden Doppelbindungsebenen C16-C3-C4 und C12-C5-C6 bilden mit dem Phenylring C11-C16 Interplanarwinkel von 111 bzw. 68°. Die Stilbenylphenylringe C31-C36 und C41-C46 schliessen mit der Ebene C16-C3-C4 Winkel von 40 bzw. 153° ein, sie sind folglich um 113° gegeneinander verdrillt. Die entsprechenden Winkel des zweiten Stilbenylsubstituenten weichen nur leicht von den Winkeln des gerade beschriebenen Substituenten ab; die Phenylringe C51-C56 und C61-C66 schliessen mit der Doppelbindungsebene C12-C5-C6 Interplanarwinkel von 33 bzw. 53° ein, resultierend in einer gegenseitigen Verdrillung um 86°.
3.1.3 Umsetzung von 3,5-Dichlorazobenzol mit Decafluortolan zu 28-30
Aus der von G. Halbritter durchgeführten Reaktion zwischen 4,4-Dimethylazobenzol und Decafluortolan war bekannt, dass dabei ein 2:1-Addukt in Form eines 2,3-Dihydrocinnolins gebildet wird, dessen Pentafluorphenylringe im Stilbenylsubstituent in 8-Position des Cinnolingerüsts cis-Konfiguration aufwiesen.26 In allen anderen durch Umsetzung mit Diphenylacetylen erhaltenen 2,3-Dihydrocinnolinderivaten wurden jedoch ausschliesslich trans-ständige Stilbenyleinheiten angetroffen. Im Rahmen dieser Arbeit sollte untersucht werden, ob eine Synthese eines Mono- oder Distilbenylazobenzols möglich ist, deren Decafluorstilbenylreste ebenfalls cis-Konfiguration aufweisen und worauf dieses besondere Verhalten von Decafluortolan beruht.

Abbildung 3.2: Umsetzung von 3,5-Dichlorazobenzol mit Decafluortolan zu 28, 29 und 30
Die Zugabe von CoH3(PPh3)3 zu einer Lösung von 1 mmol 3,5-Dichlorazobenzol und 2 mmol Decafluortolan, die zusätzlich noch 0.15 mmol Essigsäure enthielt, bewirkte einen sofortigen Farbumschlag nach schwarz. Nach 24-stündigem Rühren hatte die Lösung einen Rotstich und wurde säulenchromatographisch an Al2O3 mit verschieden polaren Laufmittelgemischen aufgearbeitet. Dabei konnten nur noch geringe Mengen an 3,5-Dichlorazobenzol eluiert werden, was eine, in den Umsetzungen mit Diphenylacetylen nicht beobachtete, nahezu vollständige Umsetzung der Substrate anzeigt. Durch die Säulenchromatographie konnte jedoch keine Auftrennung und Isolierung einzelner Produkte erreicht werden, sondern nur eine Abtrennung von Katalysatorrückständen und Triphenylphosphin. Eine HPLC-Analyse des erhaltenen dunkelroten Öls zeigte zwei Peaks mittlerer Intensität bei Rt = 22.6 bzw. 26.2 min sowie ein sehr intensives Signal bei Rt = 41.4 min, das aufgrund der hohen Retentionszeit einem 2:1-Addukt zugeordnet wurde. Eine Reinigung des roten Öls mittels präparativer HPLC lieferte drei Fraktionen, jeweils als orange Pulver, von denen die erste gemäss HPLC-Analyse ein Isomerenverhältnis der 1:1-Addukte 2-(cis-Decafluorstilbenyl)-3,5-dichlorazobenzol (28) zu 2-(trans-Decafluorstilbenyl)-3,5-dichlorazobenzol (29) = 25/1, die zweite dagegen ein Verhältnis von 28/29 = 1/7 aufwies, während die dritte Fraktion aus analysenreinem 2,6-Di(trans-decafluorstilbenyl)-3,5-dichlorazobenzol (30) bestand. Die EI-Massenspektren der ersten beiden Fraktionen zeigten jeweils den erwarteten Molekülpeak von 28 bzw. 29 bei m/z = 608, wohingegen der Molpeak im Massenspektrum des 2:1-Addukts 30 bei m/z = 966 angetroffen wurde. Durch Umkristallisation aus CH2Cl2/MeOH = 1/2 (v/v) konnten von 28 bei -20 °C und von 30 bei RT jeweils orangerote Kristalle erhalten werden.
3.1.4 Die Röntgenstrukturanalysen von 28 und 30
Mit den von 28 und 30 erhaltenen Kristallen konnten jeweils Röntgenstrukturanalysen durchgeführt werden. Ausgewählte Bindungsabstände und -winkel sind tabellarisch in Abschnitt 5.6.2 zusammengefasst, Abbildung 3.3 zeigt die Molekülstruktur des 1:1-Adduktes 28, während Abbildung 3.4 die Molekülstruktur des 2:1-Addukts 30 darstellt.

Abbildung 3.3: Molekülstruktur von 28 im Kristall
In Abbildung 3.3 erkennt man, dass aus einem
Molekül 3,5-Dichlorazobenzol und einem Molekül Decafluortolan ein
1:1-Addukt gebildet wurde, wobei die Orthometallierung wie erwartet am dichlorsubstituierten
Azobenzolphenylring stattgefunden hat. Bemerkenswert ist jedoch die Stereochemie
der Pentafluorphenylringe der Decafluorstilbenyleinheit, die cis-Konfiguration
aufweisen. Die Bindungsabstände N1-N2 bzw. C3-C4 weisen mit 124.5(3) bzw.
133.4(4) pm nur geringe Abweichungen von den entsprechenden Werten in 11
und 12 auf. Ebenso sind die beiden Azobenzolphenylringe C11-C16 und C21-C26
nur um 7.1° gegeneinander verdrillt, während der Winkel der Decafluorstilbenyl-doppelbindungsebene
C16-C3-C4 zur Ebene C11-C16 63.4° beträgt. Der wesentliche Unterschied
zwischen dem 2-(cis-Decafluorstilbenyl)azobenzol 28 und den 2-(trans-Stilbenyl)azobenzolen
11 und 12 besteht im Interplanarwinkel der beiden Phenylringe
des Stilbenylfragments C31-C36 und C41-C46, die im Falle von 28 annähernd
koplanar angeordnet, aber um 177.6° gegeneinander verdrillt sind, während
sie in 11 und 12 nahezu senkrecht aufeinander stehen (s. Abschnitt
2.3).
Die Molekülstruktur des 2,6-Di(trans-decafluorstilbenyl)azobenzols
30 (Abbildung 3.4) zeigt, dass erneut zwei Moleküle Decafluortolan
regioselektiv in die beiden ortho-C-H-Bindungen des halogensubstituierten Azobenzolphenylrings
eingeschoben wurden. Bemerkenswert ist die für eine Umsetzung mit Decafluortolan
unerwartete trans-Stereochemie der beiden Decafluorstilbenylsubstituenten.

Abbildung 3.4: Ergebnis einer Einkristall-Röntgenstrukturanalyse von 30
3.1.5 Umsetzung von 4,4-Dichlorazobenzol mit Decafluortolan zu 31
Aufgrund der gegensätzlichen Ergebnisse in den Umsetzungen von 3,5-Dichlorazobenzol (s. Abschnitt 3.1.3) bzw. 4,4-Dimethylazobenzol26 mit Decafluortolan, bei denen im ersten Fall ein 2,6-Di(trans-stilbenyl)azobenzol, im zweiten Fall erstmals ein 2,3-Dihydrocinnolin mit cis-ständigem Decafluorstilbenylsubstituenten erhalten wurde, sollte die Stereochemie der Alkininsertion in der Umsetzung mit 4,4-Dichlorazobenzol untersucht werden.

Die schnelle Dunkelrotfärbung der Reaktionslösung
nach der Zugabe des Katalysators CoH3(PPh3)3
zu einer Lösung von 4,4-Dichlorazobenzol und Decafluortolan in THF
zeigte die Bildung eines 2,3-Dihydrocinnolins an. Nach 6 h waren auf einem Dünnschichtchromatogramm
nur noch geringe Spuren von nicht umgesetzten Azobenzol zu sehen, während
die Bildung eines orangen Flecks eines 1:1-Adduktes vor dem dunkelroten Fleck
des 2:1-Adduktes (Rf = 0.70) überhaupt nicht beobachtet werden
konnte. Dennoch wurde die übliche Rührdauer von 24 h eingehalten und
das Rohprodukt anschliessend an Al2O3 mit Petrolether/THF
= 10/1 (v/v) chromatographiert. Man erhält in 64 % Ausbeute ein dunkelrotes
Pulver von
2-(4-Chlorphenyl)-3,4-pentafluorphenyl-6-chlor-8-decafluorstilbenyl-2,3-dihydrocin-nolin
(31), dessen FD-Massenspektrum den mit 30 identischen Molekülpeak
bei m/z = 966 zeigte. Kristallisationsversuche in CH2Cl2/MeOH
= 1/2 (v/v) lieferten jedoch keine röntgenfähigen Einkristalle. Damit
konnten keine Informationen über die Stereochemie der Alkininsertion erhalten
werden, da IR- sowie 1H- und 13C-NMR-Spektren diesbezüglich
wenig Aussagekraft besitzen. Die hohe Ausbeute an 31 und die Tatsache,
dass kein 1:1-Addukt isoliert werden konnte, belegen eine höhere Reaktivität
des Alkins Decafluortolan aufgrund seiner elektronenarmen Dreifachbindung.
3.1.6 Umsetzung von 3,3,5,5-Tetramethylazobenzol mit 4,4-Dimethyl-tolan zu 32 und 33

3.1.7 Versuche zum Einsatz weiterer symmetrisch substituierter Alkinkomponenten
Bei der Umsetzung von Azobenzol mit Acetylendicarbonsäuredimethylester
unter Zugabe von CoH3(PPh3)3 in Diethylether
konnte nur eine Braunfärbung und ein Zäherwerden der Lösung beobachtet
werden, jedoch keinerlei Produktbildung.
Die cobaltkatalysierte Umsetzung von Azobenzol mit
2-Butin zeigte durch das Zäherwerden der Reaktionslösung an, dass
vermutlich Oligomerisierungs- und Polymerisationsprodukte des Alkins entstehen,
da mittels DC keine Reaktion des Azobenzols zu erkennen ist.
In der Reaktion von Azobenzol mit dem Dialkylacetylen
3-Hexin konnte nach 4 d mittels DC die vollständige Umsetzung des Diazens
festgestellt werden, wobei zwei orange Fraktionen (Rf = 0.87 bzw.
0.73), eine blaue (Rf = 0.51) sowie eine grüne Fraktion (Rf
= 0.31) gebildet wurden. Die Produkte erwiesen sich während und nach der
säulenchromatographischen Aufarbeitung als äusserst instabil, die
erste orange Fraktion färbte sich dabei grünlich, die zweite rotbraun,
von den beiden anderen Produkten konnten nur noch Spuren eluiert werden. In
der rotbraunen Fraktion konnte die Bildung eines 1:1-Addukts (m/z = 264) und
eines 2:1-Addukts (m/z = 346) massenspektroskopisch nachgewiesen werden. Trotz
Lagerung bei -20 °C unter Lichtausschluss fand eine Zersetzung der Produkte
statt.
Bei der Umsetzung von Azobenzol mit 4-Octin konnte
auf einer DC-Platte die Bildung eines orangen Produkts (Rf = 0.73)
nachgewiesen werden, das wegen der aliphatischen Substituenten in Petrolether/THF
= 20/1 einen höheren Rf-Wert wie Azobenzol (Rf =
0.65) aufwies. Aufgrund der nahe beieinanderliegenden Rf-Werte konnte
dieses Produkt nicht von Azobenzol abgetrennt werden.
Beim Einsatz von sterisch anspruchsvollen Alkinkomponenten
wie Bis(mesityl)acetylen oder Bis(adamantyl)acetylen konnte dagegen in den Reaktionen
mit Azotoluol bzw. Azobenzol weder die Bildung einer orangen noch einer roten
Verbindung beobachtet werden. Offenbar unterbinden die voluminösen Mesityl-
bzw. Adamantylsubstituenten der Dreifachbindung die Insertion des Alkins in
die Cobalt-Hydrid-Bindung von CoH(PPh3)3.
3.2 Umsetzungen mit unsymmetrisch substituierten Alkinen
Durch die Umsetzung von 1,2-Diaryldiazenen
mit unsymmetrisch substituierten Alkinen sollten Rückschlüsse über
die Regioselektivität der Alkininsertion gewonnen und damit zur weiteren
Aufklärung des Cobalt-Katalysemechanismus beigetragen werden. Nach erfolgter
Alkininsertion in die
Co-H-Bindung resultieren in Abhängigkeit der Substituenten der Dreifachbindung
in der Regel regioisomere Produkte, aus deren Verhältnis Informationen
über den Übergangszustand der Alkininsertion erhalten werden können.
3.2.1 Umsetzung von 3,3,5,5-Tetramethylazobenzol mit 4-Methoxytolan zu 34-36

Eine Lösung von 3,3,5,5-Tetramethylazobenzol mit 4-Methoxytolan in THF färbte sich nach der Zugabe des Katalysators CoH3(PPh3)3 augenblicklich tiefschwarz. Nach der säulenchromatographischen Aufarbeitung des erhaltenen Rohproduktes resultierte ein oranges Pulver des 2:1-Addukts 2,6-Di(trans-4-methoxystilbenyl)-3,3,5,5-tetramethylazobenzol (36), dessen FD-Massenspektrum den erwarteteten Molekülpeak bei m/z = 655 zeigte. Von der zuvor eluierten orangen Fraktion verblieb nach Entfernen des Lösungsmittels ein oranges Öl, dessen HPLC-Analyse zwei intensive Signale mit Rt = 14.7 bzw. 15.5 min mit einem Integrationsverhältnis von 1/2 aufwies. Das FD-Massenspektrum dieses Öls zeigte jedoch nur einen Peak bei m/z = 446, sodass auf die Bildung zweier regioisomerer 1:1-Addukte geschlossen wurde. Aufgrund des Unterschieds in den Retentionszeiten von 0.8 min wurde eine Trennung dieser beiden Produkte mittels präparativer HPLC versucht. Dabei wurden zwei Fraktionen isoliert, deren Integrationsverhältnis von 2-(trans-4-Methoxystilbenyl-1-yl)-3,3,5,5-tetramethylazobenzol (34)/2-(trans-4-Methoxystilbenyl-2-yl)-3,3,5,5-tetramethylazobenzol (35) im ersten Fall 3/2 und im zweiten Fall 1/6 betrug (Abbildung 3.5). Eine vollständige Trennung der beiden Regioisomere konnte wegen der schlechten Trennleistung der HPLC-Säule nicht erreicht werden. Durch die Aufbewahrung der Produkte bei -20 °C präzipitierte in der zweiten Fraktion ein oranger Feststoff, der nach dem Abgiessen der überstehenden Lösung erneut HPLC-analytisch untersucht wurde. Das Regioisomerenverhältnis 34/35 betrug nun 1/23, ein daraufhin unternommener Kristallisationsversuch aus CH2Cl2/MeOH = 1/2 (v/v) lieferte orangerote Kristalle von 35. Analog sollte 36 kristallisiert werden, wobei wegen des vermutlich vorliegenden, untrennbaren Gemisches regioisomerer 2:1-Addukte nur ein amorphes Pulver erhalten wurde.


Abbildung 3.5: HPLC-Analysen der regioisomeren 1:1-Addukte 34/35 a) nach der Säulenchromatographie; b) 1. Fraktion nach der präparativen HPLC; c) 2. Fraktion nach der präparativen HPLC
3.2.2 Die Röntgenstrukturanalyse von 35
Mit den von 35 erhaltenen Einkristallen konnte eine Röntgenstrukturanalyse durchgeführt werden. Tabelle 3.2 zeigt ausgewählte Bindungsabstände und -winkel, Abbildung 3.6 gibt ein Kugelstabmodell der Molekülstruktur von 35 wieder.
Bindungsabstände
N(1)-N(2) |
124.4(4) |
C(11)-C(12) |
138.1(6) | |
N(1)-C(11) |
142.3(5) |
C(11)-C(16) |
138.8(6) | |
N(2)-C(21) |
143.3(5) |
C(12)-C(13) |
137.8(6) | |
O(1)-C(44) |
138.6(5) |
C(13)-C(14) |
138.4(6) | |
O(1)-C(1) |
144.0(7) |
C(13)-C(17) |
149.4(6) | |
C(3)-C(4) |
132.9(6) |
C(14)-C(15) |
137.5(6) | |
C(3)-C(31) |
147.3(6) |
C(15)-C(16) |
140.1(6) | |
C(3)-C(16) |
150.8(5) |
C(15)-C(18) |
149.7(6) | |
C(4)-C(41) |
148.5(6) |
Bindungswinkel
N(2)-N(1)-C(11) |
115.4(4) |
C(16)-C(15)-C(18) |
120.4(4) | |
N(1)-N(2)-C(21) |
113.3(4) |
C(11)-C(16)-C(15) |
118.1(4) | |
C(44)-O(1)-C(1) |
116.1(4) |
C(11)-C(16)-C(3) |
119.9(4) | |
C(4)-C(3)-C(31) |
122.1(4) |
C(15)-C(16)-C(3) |
122.0(4) | |
C(4)-C(3)-C(16) |
121.0(4) |
C(22)-C(21)-C(26) |
121.1(4) | |
C(31)-C(3)-C(16) |
116.9(4) |
C(22)-C(21)-N(2) |
122.8(4) | |
C(3)-C(4)-C(41) |
127.3(4) |
C(26)-C(21)-N(2) |
116.1(4) | |
C(12)-C(11)-C(16) |
121.8(4) |
C(32)-C(31)-C(36) |
117.7(5) | |
C(12)-C(11)-N(1) |
124.2(4) |
C(32)-C(31)-C(3) |
121.5(4) | |
C(16)-C(11)-N(1) |
114.1(4) |
C(36)-C(31)-C(3) |
120.8(4) | |
C(13)-C(12)-C(11) |
120.1(4) |
C(46)-C(41)-C(42) |
116.6(5) | |
C(12)-C(13)-C(14) |
118.2(4) |
C(46)-C(41)-C(4) |
118.9(4) | |
C(12)-C(13)-C(17) |
120.9(5) |
C(42)-C(41)-C(4) |
124.4(4) | |
C(14)-C(13)-C(17) |
120.9(5) |
C(43)-C(44)-O(1) |
124.0(5) | |
C(15)-C(14)-C(13) |
122.6(4) |
C(43)-C(44)-C(45) |
120.8(5) | |
C(14)-C(15)-C(16) |
119.1(4) |
O(1)-C(44)-C(45) |
115.2(4) | |
C(14)-C(15)-C(18) |
120.4(4) |
|||
Tabelle 3.2: Ausgewählte Bindungsabstände [pm] und -winkel [°] von 35

Abbildung 3.6: Molekülstruktur von 35 im Kristall
In Abbildung 3.6 erkennt man, dass ein Molekül
4-Methoxytolan in eine der vier ortho-ständigen C-H-Bindungen von 3,3,5,5-Tetramethylazobenzol
insertiert wurde, wobei sich der 4-Methoxyphenylsubstituent am
-Kohlenstoffatom der Vinyleinheit befindet. Die auftretenden Bindungsabstände
und Interplanarwinkel offenbaren keine signifikanten Abweichungen von den korrespondierenden
Werten der 1:1-Addukte 11 und 12, weshalb auf eine eingehende
Diskussion an dieser Stelle verzichtet werden soll.
3.2.3 Die NMR-Spektren von 34 und 35
Durch die Methoxygruppe am
- bzw.
-ständigen
Stilbenylphenylring und die dadurch ausgelösten charakteristischen Verschiebungen
können die Signale des entsprechenden Phenylrings in den von den regioisomeren
1:1-Addukten 34 und 35 aufgenommenen 1H-, 13C,
1H-1H-COSY- und 1H-13C-COSY-NMR-Spektren
eindeutig zugeordnet werden. Dabei wird die Atomnumerierung aus Abschnitt 2.9
(Abbildung 2.7) verwendet. Abbildung 3.7 zeigt das in CDCl3 aufgenommene
1H-NMR-Spektrum von 35.

Abbildung 3.7: 1H-NMR-Spektrum des regioisomeren 1:1-Addukts 35 (CDCl3, 270 MHz)
Bei tiefstem Feld erscheint das Singulett von 10-H mit einer chemischen Verschiebung von 7.40 ppm, danach folgt ein breites Multiplett von 8 Protonen im Bereich von 7.37 - 7.15 ppm. Anschliessend absorbieren die beiden Wasserstoffatome des vierfach substituierten Phenylrings 6-H bzw. 4-H als Singuletts bei 7.12 bzw. 6.95 ppm. Der Methoxysubstituent an C-18 bewirkt einen Hochfeld-Shift für die beiden isochronen, als Dublett erscheinenden Atompaare 17-H/19-H und 16-H/20-H auf 6.91 und 6.62 pm. Bei 3.73 ppm erkennt man noch schwach das Singulett der Methoxygruppe 23-H des zu ca. 4 % noch enthaltenen Regioisomers 34, daneben erscheint das korrespondierende Singulett von 23-H von 35 bei 3.65 ppm. Bei höchstem Feld absorbieren die vier Methylsubstituenten des Diazens 21-H, 22-H/22-H und 21-H im erwarteten Integrationsverhältnis von 1:2:1 bei 2.41, 2.27 und 2.12 ppm.

Abbildung 3.8: Aromatischer Bereich des 13C-NMR-Spektrums des 1:1-Addukts 35 (CDCl3, 270 MHz)
Abbildung 3.8 zeigt einen Ausschnitt aus dem
13C-NMR-Spektrum von 35 in CDCl3. Die charakteristischen
Unterschiede zu dem 13C-NMR-Spektrum des aus 3,3,5,5-Tetramethylazobenzol
und Tolan erhaltenen 1:1-Addukts 13 liegen in den Verschiebungen des
methoxysubstituierten Phenylrings. Durch den starken -I-Effekt der Methoxy-Gruppe
(+ 31.3 ppm)39 wird das Signal von C-18 zu tiefstem Feld auf
159.1 ppm verschoben. Der +M-Effekt des Methoxysubstituenten bewirkt eine Hochfeldverschiebung
der Signallagen der ortho- (- 15.0 ppm) und para-ständigen
(-8.1 ppm) C-Atome C17/C-19 und C-15 auf 114.2 bzw. 131.2
ppm, während die chemische Verschiebung des isochronen meta-ständigen
Atompaares C-16/C-20 (130.5 ppm) nur wenig beeinflusst wird.
Die 1H- und 13C-NMR-Spektren
der ersten Fraktion der präparativen HPLC offenbaren ein Regioisomerenverhältniss
von 34/35 = 3/2. Die auftretenden Unterschiede in den chemischen
Verschiebungen von 34 und 35 sind jedoch kleiner als 0.5 ppm,
weshalb auf eine eingehende Diskussion verzichtet wird.
3.2.4 Umsetzung von 3,5-Dichlorazobenzol mit 4-Methyltolan zu 37 und 38

Analog zu den Umsetzungen von 3,5-Dichlorazobenzol
mit Diphenylacetylen (Abschnitt 2.1) oder Decafluortolan (Abschnitt 3.1.3) verfärbte
sich die orange Substratlösung nach der Katalysatorzugabe nach schwarz.
Mittels Säulenchromatographie konnte ein oranger Feststoff des 2:1-Addukts
2,6-Di(trans-4-methylstilbenyl)-3,5-dichlorazobenzol (38) und ein oranges
Öl des entsprechenden 1:1-Addukts 2-(trans-4-Methylstilbenyl)-3,5-dichlorazobenzol
(37) isoliert und massenspektroskopisch (37: m/z = 442, 38:
m/z = 635) charakterisiert werden. Die HPLC-Analyse des 1:1-Addukts 37
zeigte jedoch nicht zwei getrennte Signale wie bei den regioisomeren 1:1-Addukten
34 und 35 (Abschnitt 3.2.1), sondern nur einen intensiven Peak
bei Rt = 15.6 min. Dagegen war der Peak des isomeren N-Anilinoindols
bei Rt = 4.8 min in ein Dublett aufgespalten. Daraus kann gefolgert
werden, dass eine Bildung von regioisomeren Produkten bei der Alkininsertion
resultiert, die geringen Unterschiede in den Retentionszeiten verhindern jedoch
eine Trennung mittels präparativer HPLC. Hinweise auf die Bildung von Regioisomeren
lieferte auch ein Kristallisationsversuch von 38 aus CH2Cl2/MeOH
= 1/2 (v/v), wobei eine Mischung eines amorphen orangen Pulvers und orangeroten,
für eine Röntgenstrukturanalyse ungeeigneten Kristallen entstand.
Einen weiteren Hinweis auf die Bildung von Regioisomeren
unter Verwendung von 4-Methyltolan als Alkinkomponente lieferte die HPLC-Analyse
einer braunen Fraktion, die nach der Umsetzung von 3,3,5,5-Tetramethylazobenzol
mit 4-Methyltolan erhalten wurde. Sie zeigte ein zu einem Dublett aufgespaltenes
Signal bei Rt = 19.2 bzw. 19.6 min mit einem Integrationsverhältnis
von 1.1/1.0, das aufgrund der Retentionszeiten den regioisomeren 1:1-Addukten
zugeordnet wird. Auf eine weitere Aufreinigung dieser Regioisomeren wurde wegen
der geringen Ausbeute und der vielen Verunreinigungen dieser Fraktion verzichtet.
In Umsetzungen mit 4-Methyltolan ist demnach nur eine sehr geringe Regioselektivität
feststellbar.
3.2.5 Umsetzung von Azobenzol und 4-Methyltolan zu 39 und 40

Die Bildung regioisomerer 2,3-Dihydrocinnoline und deren mögliche präparative Trennbarkeit sollte anhand der Umsetzung von Azobenzol mit 4-Methyltolan untersucht werden.
Eine Lösung von 3 mmol Azobenzol und 6
mmol 4-Methyltolan, die vor der Zugabe des CoH3(PPh3)3
noch mit 0.2 mmol Essigsäure versetzt wurde, zeigte durch ihre charakteristische
Verfärbung nach tief dunkelrot die Bildung von 2,3-Dihydrocinnolinen an.
Die anschliessende säulenchromatographische Aufarbeitung erbrachte in 38
% Ausbeute ein dunkelrotes Pulver der regioisomeren 2:1-Addukte 2,3/4-Diphenyl-4/3-tolyl-8-(trans-4-methylstilbenyl)-2,3-dihydrocinnolin
(40) und in 12 % Ausbeute ein orangerotes Öl der entsprechenden
1:1-Addukte 2,3/4-Diphenyl-4/3-tolyl-2,3-dihydrocinnolin (39). Unterschiede
in den Retentionszeiten der regioisomeren 1:1-Addukte konnten jedoch nicht festgestellt
werden, weshalb eine weitere Aufarbeitung nicht durchgeführt wurde. Ebenso
scheiterte ein Kristallisationsversuch von 40. Durch die Reaktionsführung
in einem Essigsäure/Diethylethergemisch ([HOAc] = 5 x 10-2 mol
l-1) wurden Produktausbeuten erreicht, die sonst nur mit unsubstituiertem
Diphenylacetylen erhalten werden. Zudem wurde das Produktverhältnis 40/39
= 3.2, verglichen mit dem korrespondierenden Wert von 0.9 in reinem Diethylether,
durch die Säurezugabe zugunsten des 2:1-Addukts 40 verschoben.
3.2.6 Versuche zum Einsatz weiterer unsymmetrisch substituierter Acetylenderivate
In einer Umsetzung zwischen Azobenzol und
4-Nitrotolan konnte auch nach 24 h keinerlei Produktbildung festgestellt werden.
Offenbar unterbindet der elektronenziehende Effekt der Nitrogruppe eine Insertion
des Alkins in die Cobalt-Hydrid-Bindung.
Die Verwendung eines Alkylarylacetylens wie 1-Phenylpropin
fürhte in der Reaktion mit Azobenzol zur Bildung mehrerer dunkelroter Produkte
auf der DC-Platte. Man erhielt nach der Säulenchromatographie rote bis
rotbraune Produktfraktionen, deren massenspektroskopische Charakterisierung
die Bildung von Oligomerisierungsprodukten aus jeweils einem Molekül Azobenzol
mit einem oder bis zu sieben Molekülen 1-Phenylpropin anzeigte, d. h. es
findet eine mehrfache Alkininsertion in eine oder verschiedene ortho-C-H-Bindungen
von Azobenzol unter Bildung von 1:1- bis 7:1-Addukten statt. Die sich dabei
ergebende Vielzahl von möglichen Produkten unter Berücksichtigung
der zusätzlichen Bildung von Regioisomeren verhinderten eine weitere Auftrennung
der Produktgemische, die sich trotz Aufarbeitung unter Lichtausschluss und Lagerung
bei -20 °C zersetzten.
3.3 Diskussion der Reaktivität verschiedener Alkinkomponenten
Im Folgenden soll versucht werden, anhand
der in Abschnitt 3.1 und 3.2 gewonnenen Erkenntnisse, ein allgemeines Reaktionsschema
für verschieden substituierte Acetylenderivate aufzustellen.
Bei den symmetrischen, 4,4-disubstituierten
Tolanderivaten treten erhebliche Reaktivitätsunterschiede auf. Während
4,4-Dimethoxytolan in der Reaktion mit 3,5-Dichlorazobenzol glatt und
in guten Ausbeuten das 2:1-Addukt 27 liefert, ist das aus 4,4-Dimethyltolan
und 3,3,5,5-Tetramethylazobenzol erhaltene, instabile 2:1-Addukt
33 nur in sehr schlechten Ausbeuten isolierbar. Die induktiven Effekte
der para-ständigen Tolansubstituenten besitzen demnach Einfluss auf die
Stabilität und die Ausbeute der Produkte, wobei der -I/+M-Effekt der Methoxygruppe
die Reaktion begünstigt, der +I/+M-Effekt des Methylsubstituenten die Reaktion
eher benachteiligt. Generell lässt sich für die Umsetzung von 1,2-Diaryldiazenen
mit symmetrischen Alkinen feststellen, dass eine elektronenarme Dreifachbindung
in Abhängigkeit der Substituenten den Reaktionsverlauf positiv beeinflusst.
Dies wird auch durch die Umsetzungen von Decafluortolan mit 4,4- bzw.
3,5-Dichlorazobenzol belegt, in denen das gesamte, intermediär gebildete
1:1-Addukt zum 2:1-Addukt 31 abreagiert bzw. in Gegenwart katalytischer
Mengen Essigsäure in hohen Ausbeuten das Di(trans-stilbenyl)azobenzol 30
gebildet wird. Zudem konnte das Monoadditionsprodukt 28 mit cis-konfiguriertem
Decafluorstilbenylrest abgefangen werden.
Werden dagegen die elektronenreicheren Dialkylacetylene
2-Butin, 3-Hexin oder 4-Octin eingesetzt, findet entweder überhaupt keine
Reaktion (2-Butin) statt oder es entstehen mehrere, zumeist sehr instabile Produkte,
wobei in der Reaktion zwischen 3-Hexin und Azobenzol das Auftreten von 1:1-
und 2:1-Addukten nachgewiesen werden konnte.
Der Einsatz von Alkinkomponenten mit sterisch anspruchsvollen
Substituenten wie Bis(mesityl)acetylen oder Bis(adamantyl)acetylen bewirkt ein
völliges Ausbleiben einer Reaktion. Die Anwesenheit voluminöser Mesityl-
oder Adamantylgruppen verhindert vermutlich eine Insertion des Alkins in die
Cobalt-Hydrid-Bindung der katalytisch aktiven Spezies CoH(PPh3)3.
Die Einführung funktioneller Gruppen mit anderen
elektronischen Eigenschaften wie z. B. Carbonsäureesterfunktionen als Alkinsubstituenten
führt ebenfalls zu einem negativen Reaktionsverlauf. Vermutlich werden
durch den hydridischen Katalysator entweder die Esterfunktionen gespalten oder
die mögliche Koordination einer Carbonylfunktion an das Cobalt-Zentralmetall
blockiert die Orthometallierung der Diazenkomponente.
Die Verwendung unsymmetrischer Alkine wie 4-Methoxytolan
oder 4-Methyltolan führt erwartungsgemäss zum Auftreten regioisomerer
Produkte. Verglichen mit dem Einsatz von Diphenylacetylen als Alkinkomponente,
reduziert sich zudem die Produktausbeute. Das Regioisomerenverhältnis der
nach der Umsetzung von 4-Methoxytolan mit 3,3,5,5-Tetramethylazobenzol
resultierenden 1:1-Addukte 34/35 beträgt nach der Synthese
1/2 und kann durch mehrere Reinigungsschritte auf 1/23 gesteigert werden. In
diesem Fall weisen die Regioisomeren 34 und 35 unterschiedliche
chemische Eigenschaften auf, die eine Trennung mittels HPLC ermöglichen.
Bei den regioisomeren 1:1-Addukten 37 der essigsäurekatalysierten
Reaktion zwischen 4-Methyltolan und 3,5-Dichlorazobenzol sind diese Unterschiede
weniger stark ausgeprägt, identische Retentionszeiten in der HPLC verhindern
eine Bestimmung des Regioisomerenverhältnisses. Eine Trennung der Regioisomerengemische
der 2,6-Distilbenylazobenzole 36 und 38 mittels fraktionierter
Kristallisation ergibt entweder nur amorphe Pulver (36) oder eine Mischung
eines amorphen Pulvers und oranger Kristalle (38), die Kristallisation
nur eines Isomers konnte jedoch nicht erreicht werden. Analog hierzu war auch
eine Trennung regioisomerer 2,3-Dihydrocinnoline aus der Reaktion von 4-Methyltolan
mit Azobenzol nicht möglich.
Bei der Verwendung von 4-Nitrotolan mit einer elektronenarmen
Dreifachbindung als Alkinkomponente konnte keine Bildung eines 2,3-Dihydrocinnolins
in der Reaktion mit Azobenzol nachgewiesen werden. Dagegen wurde beim Einsatz
des Alkylarylacetylens 1-Phenylpropin in der Umsetzung mit Azobenzol eine Vielfalt
dunkelroter, instabiler Produkte erhalten, die wegen der vermuteten Bildung
von Regioisomeren nicht einzeln isoliert werden konnten.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass
die besten Resultate dann erzielt werden, wenn das Alkin zwei symmetrisch substituierte
Phenylsubstituenten trägt. Elektronenziehende Methoxy- oder Fluorsubstituenten
wie in 4,4-Dimethoxytolan oder Decafluortolan, die die Elektronendichte
der Dreifachbindung erniedrigen, bewirken dabei grössere Reaktionsgeschwindigkeiten
und führen zu stabileren Produkten.
3.4 Die mechanistische Untersuchung des Cobalt-Katalysezyklus
Ein weiteres Ziel dieser Arbeit bestand darin, den von G. Halbritter postulierten Katalysezyklus zu verifizieren.26 Dabei sollte zunächst die Frage geklärt werden, in welcher Weise der Katalysator-Precursor CoH3(PPh3)3 Wasserstoff abspaltet. Der nächste Schritt bestand in der Aufklärung der Frage, ob die Orthometallierung von Azobenzol oder die Alkininsertion in die Cobalt-Hydrid-Bindung den ersten Schritt des Katalysezyklus darstellt. Weiterhin sollten die aus den Umsetzungen mit unsymmetrischen Alkinen gewonnenen Erkenntnisse (Abschnitt 3.2) dazu verwendet werden, Rückschlüsse über den Übergangszustand der Alkininsertion zu ziehen.
3.4.1 Abspaltung von Wasserstoff aus CoH3(PPh3)3
Der Nachweis der Wasserstoffabspaltung wurde in der Standardreaktion zwischen unsubstituiertem Azobenzol und Diphenylacetylen geführt. Um ein Molverhältnis von Katalysator/Azobenzol/Diphenylacetylen von 1:1:2 zu erreichen, wurden 2.34 mmol CoH3(PPh3)3 trocken vorgelegt und anschliessend 2.34 mmol Azobenzol und 4.68 mmol Tolan, gelöst in Diethylether, schnell zugetropft. Nach 20 min wurde die Gasphase über der jetzt schwarzen Lösung mittels EI-MS untersucht. Dabei wurde das Signal des molekularen Wasserstoffs bei m/z = 2.0 und des Protons als dessen Spaltfragment bei m/z = 1.0 angetroffen. Das Intensitätsverhältnis der Signale [H2]+/[H]+ = 3.5 lässt darauf schliessen, dass unter reduktiver H-H-Eliminierung aus dem Katalysator-Precursor CoH3(PPh3)3 molekularer Wasserstoff abgespalten wird, woraus die katalytisch aktive Spezies CoH(PPh3)3 resultiert.
3.4.2 Versuche zur Aufklärung des ersten Katalyseschrittes
Zunächst sollte untersucht werden, welches
der beiden Substrate, Diazen oder Alkin, in Abwesenheit des jeweils anderen
mit dem Katalysator-Precursor CoH(PPh3)3 reagiert.
In der Reaktion von CoH3(PPh3)3
mit Diphenylacetylen in Abwesenheit von Azobenzol konnten dabei FD-massenspektroskopisch
Oligomerisierungsprodukte des Tolans, d. h. das lineare Tetramer, Octaphenyloctatetraen
(m/z = 714), das lineare Trimer, Hexyphenylhexatrien (m/z = 536), das lineare
und das cyclische Dimer, Tetraphenylbutadien m/z = 358) bzw. cyclo-Tetraphenylbutadien
(m/z = 356) sowie das Hydrierungsprodukt von Tolan, Stilben (m/z = 180) nachgewiesen
werden. Die Bildung zahlreicher Tetramere, Trimere und Dimere des entsprechenden
Alkins wurde auch in der Reaktion von CoH[P(CH2CH2PPh2)3]
mit terminalen Alkinen HCCR (R = CO2Et, Ph) beobachtet.58
In der korrespondierenden Reaktion zwischen CoH3(PPh3)3
und Azobenzol in Abwesenheit von Diphenylacetylen konnte dagegen keine orthometallierte
Spezies mittels FD-MS detektiert werden, sondern nur das Phosphazen Ph3P=NPh
(m/z = 353) sowie Spuren von Hydrazobenzol.
Weiterhin wurde in einem Parallelexperiment die Reihenfolge der Substratzugabe umgekehrt, um zu untersuchen, ob die Alkininsertion in die Cobalt-Hydrid-Bindung oder die Orthometallierung des Azobenzolderivats dem ersten Schritt des Katalysezyklus entspricht. Als Substrate wurden 3,3,5,5-Tetramethylazobenzol und 4-Methoxytolan ausgewählt, weil sie langsamer als Azobenzol und Tolan miteinander reagieren und somit eine bessere Reaktionsverfolgung erlauben. Nachdem eine Lösung von 4-Methoxytolan zu CoH3(PPh3)3 gegeben wurde, verfärbte sich die Suspension binnen 2 min von farblos nach rotbraun. Nach 40 min wurde eine FD-massenspektroskopische Charakterisierung der Reaktionslösung durchgeführt, wobei das linerare Trimer, das cyclische und lineare Dimer des Alkins sowie dessen Hydrierungsprodukt 4-Methoxystilben detektiert wurde. Die Umsetzung der Substrate lag bereits nahe 100 %. Im Gegensatz dazu blieb die orange Farbe der Substratlösung für fast 15 min bestehen, wenn zuerst 3,3,5,5-Tetramethylazobenzol zu CoH3(PPh3)3 gegeben wurde. Nach 40 min wurde mittels FD-MS nur das Phosphazen Ph3P=N-C6H3(CH3)2 (m/z = 381) sowie nicht abreagiertes Diazen detektiert. Unmittelbar nach der Charakterisierung mittels FD-MS wurde jeweils das zweite Substrat zugegeben und die Lösungen 30 min später erneut massenspektroskopisch untersucht. In beiden Experimenten betrug das Molverhältnis Katalysator/Diazen/Alkin am Reaktonsende 1:1:2. Wurde als zweites Edukt 3,3,5,5-Tetramethylazobenzol zugegeben, konnte die Bildung der 1:1-Addukte 34 oder 35 bzw. der 2:1-Addukte 36 nicht detektiert werden, während die entsprechenden Peaks bei m/z = 446 bzw. 654 nach der Zugabe von 4-Methoxytolan als zweitem Substrat beobachtet wurden.
3.4.3 Der modifizierte Cobalt-Katalysezyklus
Abbildung 3.9 zeigt eine modifizierte Version
des für die Schmelzreaktion von 1,2-Diaryldiazenen und Diphenylacetylen
formulierten Cobalt-Katalysezyklus26 unter Bildung von 2:1-Addukten
in Form von Distilbenylazobenzolen.32
Zu Beginn wird aus dem Katalysator-Precursor CoH3(PP3)3
mit d6-konfiguriertem Zentralmetall durch Abspaltung von molekularem
Wasserstoff die katalytisch aktive d8-Spezies A gebildet.
Diese Art der Umwandlung einer d6- in eine d8-Spezies
ist typisch für aromatische C-H-Aktivierungen.59
Die Koordination eines Moleküls Diphenylacetylen und dessen Insertion in
die Co-H-Bindung führt zu dem
-Stilbenylkomplex
B. Die Substitution eines Triphenylphosphin-Liganden durch Azobenzol
und die folgende Orthometallierung liefern das
-Aryl-
-hydrido-
-stilbenylintermediat C.

Abbildung 3.9: Der modifizerte Cobalt-Katalysezyklus
Die Reihenfolge dieser beiden Katalyseschritte
wird durch das im letzten Abschnitt beschriebene Parallelexperiment belegt.
Die katalytisch aktive Spezies A wandelt das zugetropfte Diphenylacetylen
in Abwesenheit von Azobenzol fast vollständig in Oligomerisierungsprodukte
um, während sie mit Azobenzol in Abwesenheit von Tolan überhaupt nicht
reagiert. Daraus wird ersichtlich, dass die Alkininsertion in die Cobalt-Hydrid-Bindung
vor der Orthometallierung der Diazenkomponente stattfindet. Eine analoge Reaktionsfolge
wird auch im Katalysezyklus der rhodiumkatalysierten Bildung von N-Anilinoindolen
postuliert.27 In Anwesenheit beider Substrate stellen die Oligomerisierung
des Alkins und die Orthometallierung von Azobenzol miteinander konkurrierende
Reaktionen dar. Die letztgenannte Reaktion führt zur Bildung der Mono-
und Distilbenylazobenzole, wie durch den zweiten Teil des Parallelexperiments
bewiesen wird, in dem durch die Zugabe von 4-Methoxytolan zu einer Lösung
von CoH3(PPh3)3 und 3,3,5,5-Tetramethylazobenzol
sowohl 1:1- wie auch 2:1-Addukte gebildet werden. Wegen der trans-Stellung des
-Aryl- sowie des
-Stilbenylliganden in C60
muss zuerst eine Isomersierung der Ligandensphäre zu deren cis-Konfiguration
führen, bevor die reduktive C(sp2)-C(sp2)-Eliminierung
zum Schlüsselintermediat D erfolgen kann. Die Substitution des 2-Stilbenylazobenzols
durch einen Triphenylphosphin-Liganden regeneriert die katalytisch aktive Spezies
A (Weg 1), während die Insertion eines zweiten Diphenylacetylenmoleküls
in die Co-H-Bindung von D und die Orthometallierung des
-N-koordinierten 2-Stilbenylazobenzols die Zwischenstufe E
bilden. Eine erneute reduktive C-C-Eliminierung, gefolgt von der Dekomplexierung
des 2:1-Addukts durch Substitution mit einem Phosphin-Liganden liefert das geforderte
2,6-Distilbenylazobenzol und bildet das Intermediat A zurück (Weg
2). Dabei wird verständlich, dass die Koordination und Insertion eines
zweiten Moleküls Diphenylacetylens am sterisch anspruchsvollen Komplex
D (erster Schritt von Weg 2) eine höhere Aktivierungsenergie benötigt
als die Substitution des Stilbenylazobenzolliganden durch PPh3 (Weg
1). Aufgrund dieses Sachverhalts wird der zweite Weg in der Schmelzreaktion
bei 85 °C bevorzugt und die Bildung von 1:1-Addukten unterbleibt.26
Abschliessend gehen die Mono- und Distilbenylazobenzole eine thermische, elektrocyclische
Ringschlussreaktion zu den korrespondierenden 2,3-Dihydrocinnolinen mit Ausnahme
der Fälle ein, in denen die Diazenkomponente sterisch anspruchsvolle Chlor-
bzw. Methylsubstituenten in meta-Positionen trägt.
3.4.4 Zur Regioselektivität der Alkininsertion
Die Intention bei den Umsetzungen von Diazenderivaten
mit unsymmetrisch substituierten internen Alkinen war, aus dem Verhältnis
der dabei entstehenden Regioisomeren Informationen über den Übergangszustand
der Alkininsertion in die Cobalt-Hydrid-Bindung während des ersten Schrittes
des Katalysezyklus zu erhalten. In der Umsetzung von 4-Methyltolan mit 3,3,5,5-Tetramethylazobenzol
wurden zwei Regioisomere im Verhältnis von 1.1/1.0 erhalten, dabei konnte
jedoch weder eine Charakterisierung des im geringen Überschuss vorhandenen
Isomers noch deren Trennung aufgrund nahezu identischer HPLC-Retentionszeiten
erreicht werden. In den analogen Reaktionen mit 3,5-Dichlorazobenzol und Azobenzol
konnte dagegen überhaupt kein Regioisomerenverhältnis ermittelt werden.
In der Umsetzung von 4-Methoxytolan mit 3,3,5,5-Tetramethylazobenzol
entstanden zwei Regioisomere, 34 und 35, im Verhältnis von
1/2, deren Unterschiede in den Retentionszeiten eine akzeptable Trennung der
beiden Verbindungen mittels präparativer HPLC ermöglichten. Die Röntgenstrukturanalyse
des bevorzugt gebildeten Regioisomers 35 belegt, dass der 4-Methoxyphenylrest
am
-ständigen Kohlenstoffatom
der Vinyleinheit sitzt. Demzufolge wird der Übergangszustand (F)
während der Insertion von 4-Methoxytolan in die Cobalt-Hydrid-Bindung von
CoH(PPh3)3 bevorzugt vor (G) gebildet (Abbildung
3.10).

Abbildung 3.10: Übergangszustand für die Alkininsertion
Durch den -I-Effekt der Methoxygruppe wird mehr Elektronendichte von dem den 4-Methoxyphenylsubstituenten tragenden C-Atom der Dreifachbindung abgezogen als am anderen C-Atom der Dreifachbindung durch den Phenylsubstituenten. Ersteres wird dadurch positiv polarisiert und das Alkin bildet mit der Co-H-Bindung bevorzugt den in (F) gezeigten Übergangszustand.
3.4.5 Zur Stereochemie der Alkininsertion
Rückschlüsse über die Stereochemie
des oder der Stilbenylsubstituenten können nur aus den Ergebnissen der
Röntgenstrukturanalysen erhalten werden, da weder IR- noch 1H-
bzw. 13C-NMR-spektroskopische Untersuchungen diesbezüglich aussagekräftige
Ergebnisse liefern.
Generell sind für die Insertion von Alkinen
in Metall-Hydrid-Bindungen unter Ausbildung eines trans-Alkenylliganden zwei
Möglichkeiten denkbar. Zum einen die direkte trans-Insertion in die M-H-Bindung,
zum anderen die intermediäre cis-Insertion zum kinetisch stabileren cis-Alkenylliganden,
der anschliessend einer cis/trans-Isomerisierung zum meist thermodynamisch stabileren
trans-ständigen Insertionsprodukt unterliegt. Je nach Art des vorliegenden
Zentralmetalls, seiner Oxidationsstufe, der weiteren Ligandensphäre sowie
der sterischen und elektronischen Eigenschaften des Alkinderivats wurden zahlreiche
Beispiele für beide Möglichkeiten angetroffen.61
Die vorgeschlagenen Mechanismen für die auftretende cis/trans-Isomerisierung
des Alkenylliganden gehen dabei beispielsweise von einer zwischenzeitlichen
Protonierung des Stilbenylliganden in der Reaktion zwischen [Cp2Ti(CH3)2]
(Cp = Cyclopentadienyl) und RCCR (R = Ph, C6F5)62 oder von der Protonierung des
Zentralmetals wie im System [CpRh(RCCR)(P-i-Pr3)]/CF3CO2H
aus,63 die eine Rotation
um die C-C-Achse ermöglicht. Ferner werden radikalische Mechanismen wie
in der Reaktion von [PtH(Cl)(PEt3)2] mit RCCR (R = CO2CH3)64 oder die Insertion und Deinsertion
von Hilfsliganden wie im System [RhH(CH3)(I)CO(PPh3)2]/RCCR
(R = CO2CH3), in dem die intermediäre Insertion des
CO-Liganden in die Rh-CH3-Bindung die cis/trans-Isomerisierung ermöglicht,65 in Betracht gezogen. Aufgrund
der Vielzahl der von System zu System unterschiedlichen Parameter können
bis heute keine allgemeingültigen Aussagen über den Mechanismus der
Alkininsertion in Metall-Hydrid-Bindungen getroffen werden, sondern nur Regeln
für das spezielle, gerade untersuchte System aufgestellt werden.
In der in Abschnitt 3.1.3 beschriebenen cobaltkatalysierten
Umsetzung von 3,5-Dichlorazobenzol und Decafluortolan ist es erstmals gelungen,
in einem Ansatz sowohl ein 1:1-Addukt (28) als auch ein 2:1-Addukt (30)
der Substrate zu isolieren und röntgenstrukturanalytisch zu charakterisieren.
Die unterschiedliche Stereochemie der Decafluorstilbenylfragmente von 28
und von 30 deutet dabei darauf hin, dass aufgrund der elektronischen
Eigenschaften des Decafluortolans eine cis-Insertion des Alkins in die Cobalt-Hydrid-Bindung
der katalytisch aktiven Spezies CoH(PPh3)3 stattfindet,
die anschliessende, bei Alkinen mit elektronenreicheren Dreifachbindungen wie
Diphenylacetylen oder 4,4-Dimethoxytolan quantitativ erfolgende, Z-E-Isomerisierung
des oder der Stilbenylliganden teilweise unterbleibt. Die reduktive C-C-Eliminierung
des Stilbenylliganden und des orthometallierten Azobenzolphenylrings zum Stilbenylazobenzol
sowie die cis/trans-Isomerisierung des Stilbenylliganden sind folglich konkurrierende
Reaktionen, deren Produktstruktur von den elektronischen Eigenschaften der Alkinsubstituenten
gesteuert wird.
In sämtlichen Umsetzungen zwischen 1,2-Diaryldiazenderivaten
und Diphenylacetylen oder 4,4-Dimethoxytolan werden ausschliesslich trans-konfigurierte
Stilbenylsubstituenten angetroffen. Die einzige bisher bekannte Ausnahme war
das aus 4,4-Dimethylazobenzol und Decafluortolan gebildete 2,3-Dihydrocinnolin,
dessen Decafluorstilbenylsubstituent cis-Konfiguration aufwies.26
Die abweichende cis-Stereochemie dieses und des Decafluorstilbenylsubstituenten
in 28 kann am besten mit der Bildung des für die cis/trans-Isomerisierung
vermutlich verantwortlichen carbenoiden Intermediates erklärt werden (Abbildung
3.11). Eine analoge Zwischenstufe postulierte R. Bergman et al. bei der Untersuchung
der Problematik der Z-E-Isomerisierung von -Stilbenyl-Liganden in den Reaktionen
der Komplexe Ni(acac)(R)(PPh3) (R = CH3 bzw. Ph) mit PhCCR (R = Ph bzw.
CH3).66 Dabei
wird in Abhängigkeit von den elektronischen Eigenschaften der Substituenten
der
-Alkenyleinheit
-Elektronendichte auf das Cobalt-Zentralmetall übertragen
und dieses dadurch negativ polarisiert. Daraus resultiert eine positive Polarisierung
des
-ständigen Carbeniumions, wodurch die freie Drehbarkeit um die C-C-Einfachbindung
ermöglicht wird.

Abbildung 3.11: Postulierte carbenoide Zwischenstufe
während der Z-E-Isomerisierung des
-Alkenylliganden
Trägt die
-Vinyleinheit die nur schwach
elektronegativen Phenylsubstituenten, kann die auftretende positive Ladung des
-C-Atoms über den Phenylring delokalisiert werden. Im Fall des stark elektronegativen
Pentafluorphenylsubstituenten wird einerseits die
-Donorfähigkeit der
-Alkenyleinheit,
andererseits die Delokalisation der positiven Ladung am
-Kohlenstoffatom geschwächt,
weshalb die Ausbildung des carbenoiden Übergangszustands für die cis/trans-Isomerisierung
bei der Reaktion zwischen 3,5-Dichlorazobenzol und Decafluortolan nicht quantitativ
erfolgt. Dies ermöglichte die erstmalige Isolierung des 2-(cis-Stilbenyl)azobenzols
28 mit einer Z-Konfiguration der beiden Pentafluorphenylsubstituenten
der Decafluorstilbenyleinheit, obwohl das in hohen Ausbeuten isolierte 2:1-Addukt
30 ausschliesslich E-ständige Decafluorstilbenylfragmente aufweist.
Dies deutet darauf hin, dass die Z-E-Isomerisierung eines Decafluorstilbenylliganden
in C so langsam wird, dass die reduktive C-C-Eliminierung erfolgreich
mit ihr konkurrieren kann.
3.4.6 Der Einfluss von organischen Säuren auf die Produktbildung
Aus der rhodiumkatalysierten Indolsynthese
war bekannt, dass die besten Umsatzzahlen und Produktausbeuten dann erzielt
werden, wenn die Reaktion in Gegenwart katalytischer Mengen an Essigsäure
([HOAc] = 10-2 mol l-1) durchgeführt wird.27
Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass das intermediäre
Stilbenylazobenzolderivat in Gegenwart von schwachen Säuren schneller zum
N-Anilinoindol isomerisiert (s. Abschnitt 2.13).
Überträgt man diese Ergebnisse auf die
cobaltkatalysierte Umsetzung, könnte man auch in diesem System die nachgeschaltete
Bildung von N-Anilinoindolderivaten erwarten. Dagegen spricht, dass der hydridische
Katalysator CoH3(PPh3)3 in Gegenwart von geringen
Säurespuren sofort desaktiviert werden sollte. Unerwarteterweise beobachtet
man bei der Zugabe des CoH3(PPh3)3 zu einer
Lösung von Azobenzol und Diphenylacetylen in Et2O, die vorher
mit 15 mol% Essigsäure versetzt wurde ([HOAc] = 5 x 10-2 mol
l-1), eine sofortige Verfärbung nach dunkelrot. Bereits nach
2 h waren gemäss DC nicht einmal mehr Spuren von Azobenzol oder des orangen
Flecks des 1:1-Addukts 14 zu erkennen, sondern nur der dunkelrote Fleck
des 2,3-Dihydrocinnolins 10d. Die Zugabe von Essigsäure bewirkte
eine vollständige Umsetzung der Substrate, eine Herabsetzung der Reaktionsdauer
von 24 auf 2 h sowie durch die alleinige Bildung von 10d eine erhöhte
Produktselektivität.
Wurde dagegen die Säurekonzentration auf 0.33
M erhöht, bewirkte dies die oben erwähnte Desaktivierung des Katalysators
und mittels DC erkennt man folglich nur unumgesetztes Azobenzol.
Die Zugabe von 10 bzw. 20 mol% HOAc bei gleicher
Substratkonzentration bewirkte keine quantitative Umsetzung der Edukte zu 10d,
mittels DC wurde in beiden Fällen die bekannte Mischung aus gelbem Azobenzol,
orangem 1:1-Addukt 14 sowie dem dunkelroten 2:1-Addukt 10d beobachtet,
wobei sich die Zugabe von 10 mol% HOAc qualitativ durch einen höheren Umsetzungsgrad
auszeichnet als bei dem simultan gestarteten Experiment mit 20 mol% HOAc. Eine
Verbesserung gegenüber der nicht säurekatalysierten Umsetzung von
Azobenzol mit Tolan konnte nicht festgestellt werden.
Eine Umsetzung der Substrate in Gegenwart von jeweils
15 mol% Trifluoressigsäure (pKS = 0.23) bzw. para-Toluolsulfonsäure
(pKS = 0.57) führte in beiden Fällen zu einer Mischung
aus Azobenzol, 14 und 10d. Dabei präzipitierte in dem Ansatz
mit CF3COOH als Additiv ein grünliches Pulver von desaktiviertem
Katalysator. Auch in diesen Synchronexperimenten konnte keine verbesserte Produktselektivität
verglichen mit der Umsetzung ohne Additive erreicht werden.
Der positive Einfluss von Essigsäure könnte
darauf beruhen, dass die Wasserstoffabspaltung aus CoH3(PPh3)3
zum katalytischen Starter-Komplex A beschleunigt wird, dessen grössere
Konzentration sollte in einer grösseren Reaktionsgeschwindigkeit resultieren.
Wird die Säurekonzentration zu gross, sollte auch die katalytisch aktive
Spezies A über eine H2-Eliminierung zersetzt und somit
desaktiviert werden. In Einklang damit wird bei einer HOAc-Konzentration von
0.33 M eine vollständige Inhibierung beobachtet.