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Funktion der wissenschaftlichen Publikation

Wir betrachten hier die beiden Funktionen wissenschaftlicher Publikationen noch etwas genauer.

Öffentliche Funktion

  • Offenlegung wissenschaftlicher Resultate
  • Diskussion der Ergebnisse
  • Kritische Auseinandersetzung mit eigenen Forschungsresultaten und denen der
  • Rechenschaft über öffentliche Mittel, mit denen ein grosser Teil der Grundlagenforschung finanziert wird

Persönliche Funktion

  • Wissenschaftliche Anerkennung
  • Anzahl und Qualität der Publikationen als wichtiger Karrierefaktor: "publish or perish" zuerst im amerikanischen Hochschulsystem, jetzt weltweit

Wissenschaftliche Anerkennung über die chemische Literatur findet nicht nur durch eigenes Publizieren statt, auch die Berufung in Herausgebergremien und Beiräte (editorial boards) renommierter Zeitschriften ist eine Form der öffentlichen Anerkennung. Für die Arbeit als Gutachter im "peer review" gilt das weniger - man bleibt normalerweise anonym, und das Ganze ist mit relativ viel Aufwand verbunden.

Bibliometrie

Eine Bewertung der wissenschaftlichen Leistung eines Chemikers aufgrund seiner kommunizierten Forschungsresultate verlangt natürlich eine intensive Auseinandersetzung mit diesen Arbeiten. Mitgliedern von Berufungskommissionen oder Personalchefs von Firmen haben aber oft nicht die Zeit für eine solche intensive Auseinandersetzung. Damit das Bewerten von Leistungen nicht zum "Erbsenzählen" in Publikationslisten verkommt, versucht man, nicht nur die Zahl der Publikationen zu bewerten, sondern auch noch die Bedeutung der Zeitschriften, in denen publiziert wurde.
Bei der Vielzahl der Zeitschriften gibt es grosse Unterschiede in ihrer qualitativen Einschätzung. Prestigeträchtige Zeitschriften wie Science oder Nature erhalten so viele Manuskripte, dass sie etwa Dreiviertel davon zurückweisen. Da also nur die nach den Auswahlkriterien dieser Zeitschriften besten Arbeiten publiziert werden, hat die Publikation eines Autors in einer solchen Top-Zeitschrift mehr Gewicht als in einer weniger hoch eingeschätzten. Ein Versuch, diese "Rangordnung" von wissenschaftlichen Zeitschriften zu quantifizieren, ist der so genannte Impact Factor. Dabei wird die Zahl der in einer Zeitschrift in einem bestimmten Zeitraum erschienen Publikationen in Relation zu den aus dieser Zeitschrift zitierten Publikationen gesetzt.
Das gleiche "Qualitätskriterium" - einfach gesagt, wenn etwas häufig zitiert wird, muss es wohl wichtig sein - kann auch direkt auf die Publikationen eines bestimmten Autors angewendet werden.

Diese Kriterien gehören in das Gebiet der Bibliometrie als Versuche, wissenschaftliche Leistungen zu quantifizieren. Dazu dienen vor allem der Science Citation Index des Institute for Scientific Information (ISI). Zitationsdaten als Bewertungskriterium für Personen und Institutionen sind ein nützliches Hilfsmittel, etwas im vollem Umfang objektiv Unquantifizierbares wie wissenschaftliche Leistung zumindestens teilweise zu quantifizieren.
Die gewisse Einseitigkeit, mit der diese Faktoren und vor allem die durch sie produzierten "Rankings" von Zeitschriften oder Hochschulen manchmal propagiert werden, erinnert einen allerdings manchmal an das berühmte Zitat von Disraeli über "lies, damned lies, and statistics".

Industrie

Diese Mechanismen gelten vor allem für die Grundlagenforschung und die Forschung an Hochschulen und anderen öffentlichen Institutionen wie der MPG, in der chemischen Industrie sieht das etwas anders aus.
Ein wichtiges Bewertungskriterium bei einem Industriechemiker ist die Zahl der Patentanmeldungen. Eine Patentanmeldung bedeutet nämlich nicht nur, dass etwas Neues entwickelt, eine Erfindung gemacht wurde, sondern dass eine Firma das für potentiell verwertbar hält (sonst würde man 0Aufwand und Kosten einer Patentanmeldung nicht investieren). Patentanmeldungen stehen aber gerade wegen ihres Neuheitsanspruchs (siehe dazu das Modul Elektronische Zeitschriften und Patente) einer vorherigen Kommunikation, sei es in einem öffentlichen Vortrag, oder in einem Zeitschriftenartikel im Wege, so dass die oben im öffentlichen Bereich spielenden "Belohnungsmechanismen" also so nicht funktionieren.
Daher sind in diesem Bereich öffentliche Vorträge und Publikationen in Zeitschriften weniger das Mittel zur Anerkennung, sondern selber schon die Anerkennung - für einen Industriechemiker ist es eine Art Belohnung, wenn seine Firma ihn oder sie zu einem Vortrag an einen Kongress oder in eine Hochschule schickt!


© Dr. Engelbert Zass, ETH Zürich, Tue Apr 6 09:22:49 2004 GMT
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